Das Buch

"Der Schattenwelt neue Kleider - Die Inquisition der Jetztzeit. Klimawandel: Gott hat recht-zeitig gewarnt, Marktheidenfeld 2006, kart., 268 S., ISBN 978-3-89201-238-8, Euro 8,90;

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2. Ein Papier, das 30 Jahre
zu spät kommt

 
Die Meldung wäre fast untergegangen. Die deutschen Tageszeitungen widmeten dem „Ereignis“, wenn überhaupt, nur wenig Platz. Auf gerade mal 18 Zeilen berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 28. September 2006, versteckt unter „Kurze Meldungen“, über eine Stellungnahme der „Bischofskonferenz zum Klimawandel“. Die „strategische Aufgabe“ dieses „kirchlichen Beitrags zum Klimaschutz“, so war zu lesen, bestehe unter anderem darin, „in Politik und Wirtschaft auf entsprechende Veränderungen zu drängen“.

Warum riß die Nachricht kaum jemanden vom Hocker – obwohl es doch um dramatische Ereignisse wie den weiteren Anstieg des Meeresspiegels, die Zunahme extremer Wetter­ereignisse, Ernteverluste, Seuchen und Millionen von Umweltflüchtlingen geht? Weil die­se Erkenntnisse nicht wirklich neu sind. Fast zehn Jahre nach der Klimakonferenz von Kyoto (1997) will die katholische Kirche plötzlich „auf Veränderungen drängen“. Wo war sie vorher?

Die katholischen Sonntagsblätter berichteten wenige Tage danach pflichtschuldigst etwas ausführ­licher. Der Leser erfuhr, daß das „Positionspapier“ den Titel „Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit“ trägt und in einer „Kommission für gesellschaftliche Fragen der Bischofskonferenz“ ausgearbeitet wurde. 

Wer hat den Klimawandel verursacht? 

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hatte es sich nicht nehmen lassen, das Papier persönlich der Presse vorzustellen. Der Klimawandel sei ein „Problem der globalen Gerechtigkeit“, so Lehmann. Er forderte, „die bisherigen Hauptverursacher müßten auch die Hauptlast der Kosten tragen“. (1) Auch der Vorsitzende der Kommission, Weihbischof Dr. Bernd Uhl aus Freiburg, sprach vom „Verursacherprinzip“, das „ein Gebot der Gerechtigkeit gegenüber den Opfern des Klimawandels“ sei. (2)

Doch an wen sollen sich die Bewohner der Malediven oder der Küste Bangladeshs in Zukunft wenden, wenn ihnen der steigende Meeresspiegel die Behausungen wegschwemmt? Der Inselstaat Tuvalu hat bei der Klimakonferenz in Nairobi im November 2006 bereits einen Antrag gestellt auf „Rettung vor dem Untergang, wenn der Meeresspiegel weiter steigt.“ (3) Wen meinten Lehmann und Uhl mit den „Verursachern“? Keine Frage: die reichen Länder natürlich, die Bewoh­ner der Nordhalbkugel, die überdurchschnittlich viel Treibhausgase produzieren und damit die Erderwärmung hauptsächlich zu verantworten haben.

Ist das wirklich keine Frage? Bisweilen lohnt es sich, auf den ersten Blick ganz plausible Aussagen noch einmal zu durchleuchten – und auch zu berücksichtigen, wer sie ausspricht. Oft findet man dann unterhalb der Faktenlage eine zweite Schicht: sozusagen die Leiche im Keller.

Denn: Wer hat den Klimawandel nicht materiell, sondern geistesgeschichtlich verursacht? Wer dieser Frage nachgeht, der ahnt vielleicht auch, weshalb die Kirche sich plötzlich zu einem Thema äußert, dessen fast ausweglose Bedrohlichkeit wohl jedermann klar ist – das aber bisher nicht eben zu den Kernkompetenzen der „schwarzgekleideten Zunft“ gehörte.

Könnte es sein, daß die Kirche sich so ähnlich wie ein Student verhält, der sich erst gegen Ende der Vorlesung in den Hörsaal schleicht und sich dann gleich zu Wort meldet, damit niemand merkt, daß er gerade die Universitätskasse geplündert hat?

Ein dreistes Unterfangen, sich auf diese Weise ein Alibi verschaffen zu wollen! Aber wir werden sehen (in Kapitel drei), daß gerade die Kirchen in solcherlei Geschäften sehr viel Übung besitzen. 

Wann tritt der „Kollaps“ ein? 

Aber bleiben wir zunächst noch beim „Klimapapier“. Wer sich die Mühe macht, es aus dem Internet herunterzuladen, der kann sich des Eindrucks kaum erwehren, daß die Kirche sich hinter einem Team von einem Dutzend Wissenschaftlern versteckt, denen sie die Hauptaussagen des Textes überläßt. Die Leistungen dieses Teams sollen keineswegs geschmälert werden. Sie geben den Stand der Dinge bezüglich des Klimawandels und dessen Folgen wieder:

Die Wahrscheinlichkeit, daß der Mensch der Hauptverursacher der derzeitigen Erderwärmung ist, beziffern sie auf 95 Prozent (S. 22).

Sie rechnen mit einem weiteren Temperaturanstieg von 1,4 bis 5,8 Grad bis zum Jahr 2100 (S. 25).

Die Gletscher werden weiter abschmelzen, die Permafrostböden weiter auftauen (S. 26),

der Meeres­spiegel wird bis zum Jahr 2100 um zusätzliche 9 bis 88 cm ansteigen (S. 27).

Die Zahl der „großen wetter- und klimabedingten Naturkatastrophen (ohne Erdbeben)“ ist, „verglichen mit den 1960er Jahren auf mehr als das Dreieinhalb­fache angestiegen“ (S. 28f).

Eine weitere Zunahme von „Extremereignissen“ wie Wirbelstürmen, Überschwemmungen oder Hitzewellen ist zu befürchten.

Die Zahl der Umweltflüchtlinge besonders aus küstennahen Regionen wird „massiv ansteigen“ (S. 30).

Zu rechnen ist weiter „mit einer massiven Ver­armung von Fauna und Flora“ (S. 30),

mit „weitreichenden Ernteverlusten“,

der „Ausbreitung von Krankheiten“ (S. 31),

einer „Zunahme von Krieg und Flucht“ sowie

„wachsender Wüstenbildung“ (S. 32). 

Man könnte das alles natürlich noch wesentlich dramatischer formulieren – und die Massenmedien werden es wenige Wochen später während der zwölften internationalen Klimakonferenz in Nairobi auch tun: Statt von „Ernteverlusten“ werden sie von drohenden „Hungersnöten“ schreiben, statt von „Krank­heiten“  wird von „Seuchen“ die Rede sein, und aus „Überschwemmungen“ wird die Gefahr, daß mittelfristig Städte wie London, New York, Bremen, Tokio, Lissabon oder Shanghai unbewohnbar werden. 

Natürlich sind die im Klimapapier vorgeschlagenen Maßnahmen alle höchst sinnvoll und vernünftig; wir kommen daran nicht vorbei, das wird kaum ein Mensch bestreiten: Energie sparen, Steigerung der Energieeffizienz, Ausbau der erneuerbaren Energien (S. 50), Ökosteuern („... ein Schritt in die richtige Richtung“), internationale Vereinbarungen (S. 52), Reduzierung der Entwaldung, Aufforstung (S. 54), Veränderung der Lebensstile (S. 56) und dergleichen mehr. Aber wirklich neu sind auch sie nicht. Neu wären sie vor rund 30 Jahren gewesen, als nicht nur Dennis Meadows die „Grenzen des Wachstums“ aufzeigte, sondern als im selben Jahr 1972 z.B. auch der Kulturkritiker Carl Amery in seinem Buch „Das Ende der Vorsehung“ die „gnadenlosen Folgen des Christentums“ beschrieb. Er hätte sie eigentlich „die gnadenlosen Folgen der Kirche“ nennen müssen. Doch davon mehr in Kapitel fünf. 

Schon 1972, also vor über 30 Jahren, hatte Dennis Meadows in seinem Buch „Grenzen des Wachstums“ vorhergesagt, daß spätestens im Jahr 2030 der „Kollaps“ oder „Kipp-Punkt“ eintreten würde, wenn die Menschheit weiterhin wie bisher den Planeten aus­plündert. 1992 und 2004 folgten aktualisierte Publika­tionen zum selben Thema. 1972 hatte Meadows noch die Hoffnung geäußert, daß durch energisches Umsteuern ein Zustand ökologischer und ökonomischer Stabilität erreicht werden könnte, der sich bis weit in die Zukunft hinein aufrecht erhalten ließe. Ein solcher Zustand wird heutzutage meist mit dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ umschrieben. Ende 1999 jedoch stellte der Forscher fest:

„Auf der Grundlage dieser Arbeiten komme ich zu dem Ergebnis, daß sich angesichts der vorherrschenden politischen, ökonomischen und kulturellen Wertvorstellungen ein Zusammenbruch – ein nicht zu kontrollierendes Absinken der Weltbevölkerung und der industriellen Tätigkeit – nicht mehr vermei­den lässt. Mit anderen Worten: Nach meiner Überzeu­gung ist es für eine dauerhaft tragbare Entwicklung zu spät.“ (4) 

Demgegenüber nimmt sich das bischöfliche Klimapapier trotz aller dramatischen Ankündigungen doch vergleichsweise harmlos aus. Während Meadows deutlich feststellt, daß im Wettlauf zwischen dem Streben nach Nachhaltigkeit (das ja in vieler Hinsicht noch immer in den Startlöchern sitzt) und dem drohenden Kollaps letzterer klar in Führung liegt, wird im kirchlichen Klimapapier die „Politik der Nachhaltigkeit“ (S. 46) propagiert, als ob es diese dramatische Vorhersage nicht gäbe. Der Grund könnte unter anderem darin liegen, daß die Klimaforscher dazu neigen, hauptsächlich nur den Klimawandel zu betrachten, während das Team von Meadows versuchte, alle relevanten Faktoren zu berücksichtigen, insbe­sondere auch die zu Ende gehenden Rohstoff-Vorräte, die Umweltverschmutzung, das Wachstum der Weltbevölkerung und die Ernährung derselben.

Von Reue keine Spur 

Das Kirchenpapier kommt also rund 30 Jahre zu spät. Man muß die 70 Seiten schon sehr genau studieren, um zumindest einen Hauch schlechten Gewissens ob dieser skandalösen Verspätung zu finden – von so etwas wie Reue ganz zu schweigen.

Auf Seite dreizehn etwa findet sich das verschämte Einge­ständ­nis: „Im katholischen Raum gibt es bislang kaum differenzierte Stellungnahmen zum Klimawandel.“ Und auf Seite neunzehn wird eingeräumt: „In der Klimakonvention brachten die Staaten der Erde schon 1992 ihre Besorgnis darüber [über die vom Menschen verursachte Klimaänderung, Anm.d.V.] zum Ausdruck ...“ Das war’s dann schon.

Weiter als 1992 geht man vorsichtshalber nicht zurück. Wobei kaum anzunehmen ist, daß dies aus Rücksicht auf die deutschen Lutheraner geschieht, die ihr Klimapapier (mit fast identischen Schlußfolgerungen) immerhin schon 1995 publizierten). Hätte die Klima­diskussion tatsächlich erst 1992 begonnen, dann wäre das ja noch brandaktuell gewesen ...

Statt einer klaren Analyse des eigenen Versagens und der Schlußfolgerungen daraus – das hätte wenigstens noch Aufsehen erregen können – tun die Theologen in der bischöflichen Kommission das, was sie und ihresgleichen besonders gut können: Sie versuchen den Leser durch wohlinszeniertes Wortgeflimmer zu blenden. Sie betonen das „grundlegende Problem der Gerechtigkeit“ (S. 12) – als ob es vor ihnen noch nie­man­dem aufgefallen wäre, daß es ungerecht ist, wenn der Norden der Erde mehr verbraucht als der Süden, und wenn dann für die nächsten Generationen kaum etwas übrigbleibt. Die Kirche verstehe sich als „universales Heilssakrament“ und wolle „für ein neues Verhält­nis zur Schöpfung eintreten“ (S. 14). Sie sehe sich geradezu „als Anwältin der ethischen Grundoptionen christlicher Schöpfungsverantwortung“ (S. 15), und sie sei aus ihrer „Spiritualität“ (!) heraus befähigt, „sich gegen alle Widerstände für den notwendigen Wandel mit friedlichen Mitteln einzusetzen“ (S. 16).

Wir werden in den Kapiteln vier und fünf noch sehen, von wem die Widerstände gegen den Wandel hauptsächlich ausgingen. Diese Kostproben bischöflicher Schönrednerei – sie füllt immerhin sieben Seiten – mögen an dieser Stelle genügen. Die heiße Luft der Erderwärmung scheint eben auch am Klimapapier nicht ganz spurlos vorübergegangen zu sein.  

Umweltschutz mit Steuergeldern 

In der Theorie besteht der Beitrag der Kirche zum Thema Klimawandel also aus lauter uneingelösten Schuldscheinen, die aber wie glänzende Auszeichnungen herumgezeigt werden. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

Hier gibt die Kirche zunächst eher kleinlaut zu, sie sei „bisher hinter dem Möglichen und Notwendigen zurückgeblieben“ (S. 59). Aber dann werden doch nicht ohne Stolz diverse Bildungshäuser und Klöster aufgeführt, die auf erneuerbare Energien umgestellt haben, oder Pfarrhäuser, die mit Solaranlagen ausgestattet wurden – allerdings „wesentlich gefördert“ von der „Deutschen Bundesstiftung Umwelt“. Hauptsächlich mit Steuergeldern finanziert, heißt das im Klartext.

Als ökologisches Vorzeigeobjekt (mit Hackschnitzel­heizung und Solaranlage) wird unter anderem (S. 60) das Kloster Plankstetten genannt. Was dort unter „Ökologie“ verstanden wird, das erfährt der Leser des Katholischen Sonntagsblatts Würzburg wenige Tage (1.10.2006) nach der Veröffentlichung des Klimapapiers. Die oberpfälzische Benediktinerabtei wird am 4. Oktober 2006, dem Welttierschutztag und Tag des Franz von Assisi (!) mit der „Tierschutz-Kochmütze“ ausgezeichnet. Die Abtei hatte die Aktion „Kulinarischer Tierschutz – Tierschutz auf dem Teller“ gestartet, mit der Leitungskräfte kirchlicher Großküchen motiviert werden sollten, „in ihren Küchen Fleisch aus artge­rechter Tierhaltung zu verwenden und mehr fleischlose Gerichte anzubieten“. Letzteres wäre ja durchaus sinnvoll – falls es nicht eher als Alibi dient. Die 45 Mutter­kühe und 100 Mastschweine des Klosters jedenfalls werden  – nach artgerechter Haltung – in der klostereigenen Metzgerei dem „Tierschutz“ nach katholischer Art zugeführt.

Nochmals wenige Tage später wird der Abt des auf diese Weise geehrten Klosters, Gregor Hanke, zum neuen Bischof von Eichstätt ernannt. Alles nur Zufall? Oder soll dieser Kirchenmann zur neuen ökologischen Vorzeige-Person hochstilisiert werden?

Man stelle sich vor: Ausgerechnet am Tag des „Heiligen Franz“, der, glaubt man der Legende, die Tiere besonders liebte, wird das Umbringen und Aufessen von Tieren zu „Tierschutz“ erklärt, nur weil man sie vorher nicht so extrem gequält hat, wie es sonst üblich ist. 

Wo bleiben die Tiere? 

Damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: Fast noch wichtiger als das, was im bischöflichen Klimapapier drinsteht, ist das, was nicht drinsteht. Von der mangelnden Selbstkritik war schon die Rede. Aber das ist nicht alles: Die Tiere fehlen gänzlich! Wenn (auf S. 38) die „Opfer des Klimawandels“ aufgezählt werden, dann erwähnt man „Arme, Alte, Kranke, Kinder, Ungeborene und die kommenden Generationen“. Doch wer denkt an unsere Mitgeschöpfe, die Tiere? Sie verschwinden unter dem Sammelbegriff „Gottes Schöpfung“. Da heißt es dann zum Beispiel:

„Da die Schöpfung einen Wert an sich hat, erstreckt sich die menschliche Verantwortung auch auf die natürliche Mitwelt, die der Mensch nicht nur [?] als Mittel zur Erreichung seiner Ziele und Zwecke behandeln darf“ (S. 36). 

Im katholischen Katechismus, 1992 vom damaligen Kardinal und jetzigen Papst Ratzinger maßgeblich mit herausgegeben, steht das genaue Gegenteil:

„Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen ... Medizinische und wissenschaftliche Versuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, mensch­liches Leben zu heilen und zu retten.“ (Nr. 2416) Oder:

„Auch ist es unwürdig, für sie [die Tiere] Geld aus­zugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte. Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt.“ (Nr. 2418)

Was das Klimapapier mit seinem Wortgeflimmer zu verbergen sucht, hier zeigen sie sich: die Verachtung und Gefühllosigkeit der Kirche für alles Natürliche und Lebendige; die Selbstüberhebung einer Priesterkaste, die sich für gottgleich hält, ohne die Vielfalt und die Beseeltheit (und Leidensfähigkeit!) der Schöpfung Gottes zu kennen und zu achten. Daß dies nicht die Posi­tion des ursprünglichen Christentums ist, wird – trotz der vielen Manipulationen, denen dieses Buch ausgesetzt war – sogar schon in der Bibel deutlich: Noah rettet die Tiere eigens vor der Vernichtung; Jesus kommt unter Tieren zur Welt, nachdem die Menschen Ihm die Aufnahme verweigert haben; der Nazarener versteht sich mit den wilden Tieren sehr gut, als Er in der Wüste fastet – und immer wieder kommen Pflanzen und Tiere in Seinen Gleichnissen vor.

In der Bibel finden sich auch die Worte der großen Propheten, durch die Gott Seine Stimme gegen die blutigen Tieropfer erhob, die von der Priesterkaste „zelebriert“ wurden – angeblich in Seinem Namen. Hier trat Gott selbst für die Tiere ein:

„Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der Herr. Die Widder, die ihr als Opfer verbrennt, und das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke ist mir zuwider. (Jes 1, 11)

„Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer.(Hos 6,6)

„Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, so habe ich keinen Gefallen an euren Gaben, und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.(Am 5, 21 f.)

Denken wir an Weihnachten und Ostern, die von den Kirchen zu den größten Schlachtfesten des Jahreslaufs gemacht wurden – und wir können vielleicht ermessen, wie sehr die Priester auch heute noch in Bezug auf die Tiere das genaue Gegenteil dessen tun, was nach Aussage der Propheten des Alten Bundes Gottes Wille ist. Doch ohne das Bewußtsein, daß auch die Tiere zur Schöpfung Gottes gehören, wird Umweltschutz immer etwas Abstraktes bleiben. 

Wenn die Bischöfe in ihrem Papier beklagen, „daß der Klimawandel schneller voranschreitet als die Zunahme ökologischen Bewußtseins ...“, so beschreiben sie im Grunde ihr eigenes Dilemma und das ihrer Kirche. Die Kirche nimmt ökologisches Bewußtsein, im übertragenen Sinne das Bewußtsein von der Ganzheit und Vernetztheit der Schöpfung, für sich in Anspruch – und fällt gleich durch die erste Prüfung: Sie vergißt die Tiere. 

Die bischöfliche Kommission erwähnt zwar (S. 23), daß 23% des Methans – eines Treibhausgases – aus der Massentierhaltung stammt, zieht daraus aber nicht die naheliegende Schlußfolgerung, daß man zur Verminderung des Treibhauseffektes ebendiese Massentierhaltung einschränken sollte.

Sie fordert zwar, die „Reduzierung der Entwaldung“ (S.54), erwähnt aber mit keiner Silbe, daß die Abholzung der Regenwälder auch durch den hohen Fleischkonsum der Industrieländer mitverursacht wird. Denn ein Großteil z.B. der Abholzungen im brasilianischen Regenwald erfolgt für den Anbau von Soja, das dann als Futtermittel nach Europa und in die USA exportiert wird.

Die Kirche warnt vor einer „massiven Beeinträch­tigung der Ernährungssicherheit“ (S. 31), ohne ein Wort darüber zu verlieren, daß etwa die Hälfte der Weltgetreideernte an Masttiere (und spätere Schlachttiere) verfüttert wird, statt den hungernden Men­schen direkt (und wesentlich ergiebiger) als Nahrung zu dienen. Und gerade „im Nahrungssystem“, so prognostizierte Dennis Meadows schon 1999, wird wahrscheinlich „das auslösende Moment für den Kollaps“ liegen. Denn die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab; die Bodenfläche geht aufgrund der vom Menschen verursachten Erosion „zur Zeit 16 bis 300 Mal schneller verloren ..., als sie wiederhergestellt werden kann.“ (4)  

Der Mensch hat seine Lebensgrundlage, die „Mutter Erde“, zugrunde gerichtet. Wie sollen die Folgen dieser Zerstörung gemildert, wie soll gerettet werden, was noch zu retten ist, ohne ein grundsätzliches Umdenken, das vor allem das Verhältnis des Menschen zur Natur und zu den Tieren betrifft?

Außer Wortgeflimmer hat die Kirche dazu offensichtlich nichts beizutragen, das zeigt ihr Klimapapier. Und das spürten offenbar auch die Journalisten, die über dieses Papier kaum berichtet haben – übrigens auch nicht über ein „Symposium“ zum Thema Klima­wandel, das die Katholische Akademie in Berlin kurz nach der Herausgabe des Klimapapiers Mitte Oktober 2006 durchführte. Ähnlich wie die Höflinge in der Geschichte von „des Kaisers neuen Kleidern“ sind die Pressevertreter zwar zu feige, den Bischöfen, die vorgeblich in neuen Kleidern einherstolzieren, zu sagen, daß sie in Wirklichkeit nackt sind. Aber sie quittieren die peinliche Vorstellung zumindest mit Stillschweigen. Was die Kirche aber nicht daran hindert, weiterhin den dreisten Versuch zu unternehmen, sich mehr oder weni­ger an die Spitze der Bewegung zu setzen. Es wäre ja nicht das erste Mal.


(1)  www.katholisch.de, 27.9.2006
(2) Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz, 27.9.2006
(3) Freitag, 3.11.2006
(4) Süddeutsche Zeitung, 13.11.1999,
vgl. auch http://www.das-weisse-pferd.com/00_04/es_ist_zu_spaet.html
 

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