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Abschnitt 5
KESSELTREIBEN
AUF DEM HEUCHELHOF
(1985)
AUSZÜGE
Während in der Presse noch die
Auseinandersetzung um das Objekt in Dettelbach ihre Kreise zog, blieben die
Urchristen nicht untätig.
Wenige Tage vor Weihnachten 1984 trat der 48jährige Unternehmer Jens von
Bandemer (Knorr-Bremse) an die Öffentlichkeit: Er stehe dem Universellen
Leben nahe und habe vor, mit seinem Privatvermögen eine Siedlung mit
Wohnungen und mittelständischen Handwerksbetrieben zu errichten, eine
Gemeinde, „die nach den Gesetzen der Bergpredigt leben soll“.
343 300 bis 500
Menschen sollten dort auf umweltfreundliche Weise Güter herstellen und
Dienstleistungen anbieten, welche die Grundbedürfnisse des Lebens decken:
Nahrung, Kleidung, Obdach. „Aber auch geistig-seelische Bedürfnisse werden
berücksichtigt, die so lange vernachlässigt worden sind: Bedürfnisse nach
Frieden und Harmonie sowie nach geistiger Entwicklung.“ Von Bandemer sprach
auch von „Schulen, Kindergärten und Kliniken, in denen die Bergpredigt
verwirklicht wird. ... Ich möchte Menschen, die guten Willens sind,
Arbeitsplätze bieten.“
Jens von Bandemer überreichte dem Oberbürgermeister von Würzburg und dem
Bürgermeister der Nachbargemeinde Höchberg jeweils ein gleichlautendes
Schreiben, in dem er um den Verkauf eines geeigneten Geländes bat, um mit
diesen Plänen zu beginnen. Der Würzburger Oberbürgermeister
Dr. Klaus Zeitler (SPD) empfing ihn daraufhin
zu einem ersten Gespräch und besichtigte mit ihm ein in Frage kommendes
Gelände im Stadtteil Heuchelhof am Rande Würzburgs mit Trabantensiedlungen
und (zu diesem Zeitpunkt) viel freier Gewerbefläche.
Zeitler, dessen Partei im Würzburger Stadtrat in der Minderheit ist, hat das
Projekt im Ältestenrat des Stadtrates erwähnt. Noch am gleichen Tag, an dem
die Main-Post über die Neuigkeit berichtet, bringt der Vorsitzende der
CSU-Fraktion und Bürgermeister Erich Felgenhauer im Würzburger Stadtrat eine
„Anfrage“ ein, die in Wahrheit eine Ansammlung von Verleumdungen darstellt:
Ob der Stadtverwaltung bekannt sei, dass diese „religionsähnliche
Gemeinschaft ... sehr viel Leid und Tragödien“ ausgelöst habe, dass dort
durch „fragwürdige Heilmethoden“ Menschen „physisch-psychisch kaputtgemacht
und materiell zu Boden“ geworfen würden? Das Heimholungswerk stelle eine
„geistig-seelische Umweltbelastung“ dar – daher fordere er „eine
ausführliche Erörterung im Stadtrat“. 344
Dem „Volkstribun“ Felgenhauer, der hier zum Volksverhetzer wird, kommt es
zupass, dass ihn die in Rechtsdingen noch unerfahrenen Urchristen nicht vor
Gericht zitieren, um den Beweis für seine bösen Behauptungen anzutreten.
Immerhin gebietet ihm OB Zeitler Einhalt: Es gehöre zu seinen „Prinzipien“,
sich „erst einmal vor jeden Bürger zu stellen, der mit irgendwelchen Sekten
in Zusammenhang gebracht wird“. Ironisch fügt er hinzu: „Wenn da ein Zentrum
des Geistes entsteht“, könne man dagegen kaum etwas haben ... In einer
pluralistischen Gesellschaft müsse jeder Bürger das Recht haben, „zumindest
angehört, ernst genommen und darüber hinaus angemessen behandelt zu werden“.
Die „Maßstäbe von Dettelbach“, so Dr. Zeitler, „sind für mich als
Oberbürgermeister von Würzburg nicht verbindlich.“
345 Die
Grundstücksanfrage, so fügt er wenige Tage später hinzu, werde behandelt wie
jede andere: „Wir fragen niemand, wie hältst du’s mit dem Nachtgebet.“
346
Damit gehört Dr. Zeitler zu den ganz wenigen Stadtoberhäuptern, die es bis
heute wagten, dem Machtanspruch der Kirchen gegenüber den Urchristen
öffentlich die Stirn zu bieten und wenigstens ein Minimum an demokratischer
Fairness gegenüber einer Minderheit einzufordern.
Da die Weihnachtstage sich für polemische Angriffe auf Andersgläubige nicht
sonderlich gut eignen – man will ja den frommen Schein wahren –, bleibt es
für einige Wochen auffallend ruhig. Während über die Ankündigung von
Bandemers weiterhin in zahlreichen Zeitungen Deutschlands berichtet wird,
verlautet aus den Kirchen, man müsse noch Einzelheiten sammeln, um Stellung
nehmen zu können.
Anfang Februar ist die „Denkpause“ zu Ende. Graf Magnis gibt eine neue
Schrift heraus mit dem Titel: „Ist das sogenannte ‚Heimholungswerk Jesu
Christi’ ein Heimholungswerk Satana Luzifers?“ Magnis behauptet, „mittels
intensiver suggestiver Meditationsindoktrination“ würden Menschen diesen
„verworrenen Lehren ... total hörig gemacht“. Es gebe „Anweisung“, die
Meditationen „täglich mehrere Male stundenlang zu meditieren“. (Die
Meditationen zu Beginn des Inneren Weges dauern in Wahrheit nicht länger als
etwa 20 - 30 Minuten.) Die Erlösungslehre sei „eindeutig
dämonisch-satanisch“, die Ehelehre „menschenfeindlich ... schwerste
Ehekonflikte geradezu programmiert“. Eine neue „Welle von Ehetragödien“ sei
zu befürchten. Die Ernährungslehre sei „abstrus und geradezu
lebensgefährlich“. Das Projekt Heuchelhof nennt Magnis ein „Kuckucksei“ und
befürchtet dort „soziale Folgelasten“ bei einem vorzeitigen Ende,
gleichzeitig aber „unfaire Konkurrenz“.
Fast zehn Jahre später wird der Zürcher Tagesspiegel-Journalist und
fanatische Ketzerjäger Hugo Stamm die Verleumdungen des Grafen fast wörtlich
nachbeten: „Für den Experten Franz Graf von Magnis ist das Universelle Leben
eine gefährliche Sekte, denn suchende Menschen würden mit intensiver
suggestiver Meditationsindoktrination von den verworrenen Lehren einer
‚Prophetin’ abhängig gemacht.“ 347
Kirchenvertreter und kirchenhörige Politiker
spielen sich nun gegenseitig die Bälle zu. Die Junge Union Würzburg
findet die Vorstellung „unerträglich“, dass die Stadt Gelände an eine
Organisation verkaufen könnte, „die von ihrem Selbstverständnis her die
Zerstörung der Familie zu Ziel“ habe und eine „gefährliche Jugendsekte“ sei.
Die Stadt dürfe „keinen Quadratmeter Grund“ 348 verkaufen, so JU-Vorsitzender
Rainer Beckmann
(Ehemann der späteren Würzburger Oberbürgermeisterin
Pia Beckmann) und JU-Landesgeschäftsführer Udo Schuster (der in engem
Kontakt zu Pfarrer Haack steht). Ursula Weschta von der Frauen-Union übt
Kritik an den offiziellen Kirchenvertretern, weil diese sich „so in
Zurückhaltung“ übten. 349 Die Urchristen fordern daraufhin sowohl die Junge
Union als auch die Frauenunion auf, zu beweisen, dass ihr Ansinnen, nur
demjenigen Grund und Boden zu verkaufen, der ihnen genehm ist, dem
Grundgesetz entspricht. Was die angebliche Zerstörung von Familien angehe,
so solle die Öffentlichkeit prüfen, wie viele Ehen unter den Mitgliedern der
Jungen Union und ihrer Mutterpartei gestört sind und wie viele im Vergleich
dazu bei den Urchristen. Die Junge Union solle „uns den Jugendlichen zeigen,
der unter 18 Jahren mit uns den Inneren Weg geht“ – denn die vorbereitenden
Meditationskurse für diesen Weg sind für Jugendliche unter 18 Jahren gar
nicht zugänglich. Die Polit-Organisationen sollten außerdem beweisen, „dass
ihre Politik, ihr Glaube und vor allem ihr Tun der Lehre Christi
entspricht“. 350
Ein
„klärendes Wort“, das keines ist
Die Urchristen erhalten keine Antwort. Statt
dessen erscheint Mitte Februar ein „Klärendes Wort“ der Würzburger Dekane
Helmut Bauer (katholisch) und Prof. Martin Elze (lutherisch) gegen die
Urchristen. Darin unterstellen sie dem Heimholungswerk „massive
wirtschaftliche Interessen“. Das Heimholungswerk sei „nicht christlich“.
Nach „Überzeugung der Christenheit“ habe die „Offenbarung Gottes in Jesus
Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt und Abschluß gefunden“. Die
Gottesvorstellung sei auf eine „persönliche Urkraft“ beschränkt;
351 „eine
positive Einstellung zur Schöpfung ist nach der Lehre des Heimholungswerks
nicht möglich“. (Weshalb betreiben dann Urchristen friedfertigen Landbau,
während die Kirchen zu diesem Thema schweigen?)
Kurzum: Die Dekane
bringen keine „Klärung“, sondern Unterstellungen,
Verdrehungen, falsche Zitate. So erwecken sie durch Anführungszeichen
den Anschein, also ob die Urchristen in Bezug auf ihre Lehre selber von
„Selbsterlösung“ sprächen – in Wahrheit ist nach Überzeugung der Urchristen
eine Erlösung nur mit Hilfe Christi möglich. Oder sie behaupten, das
Heimholungswerk verspreche „Geistheilungen“ – obwohl Urchristen von
„Gebets“- oder „Glaubensheilung“ sprechen und eine solche niemals
versprechen. Als die Dekane auf die offensichtlich falschen Zitate
aufmerksam gemacht werden, ändern sie nicht etwa den falschen Inhalt,
sondern lassen bei einer Neuauflage einfach die Anführungszeichen weg ...
Mit falschen Zitaten und Verdrehungen gegen
Andersgläubige vorzugehen, ist eine uralte Praxis der Kirche. Jan Hus
z.B. wurde vom Konzil in Konstanz verurteilt, weil er angeblich bestimmte
Zitate aus der Lehre des John Wycliff vertreten haben soll, was Hus aber
bestritt ...
Die Urchristen reagieren wieder in einer Zeitungsanzeige – Überschrift:
„’Christen’ entlarven sich“. Darin heißt es: „Wir wollen der Welt den
Nachweis erbringen, dass ein Leben nach der Bergpredigt tatsächlich möglich
ist. ... Bevor jedoch die Saat des Guten zu sprießen beginnen kann, stehen
Vertreter der Institution Kirche auf, um den Keimling zu zertreten. ... Was
befürchten sie? ... Ihre Furcht zeigt letztlich an, dass sie in der Tiefe
ihrer Seele ahnen, dass es tatsächlich Christus ist, der Sich jetzt wieder
durch einen prophetischen Mund offenbart.“ Wenn, so die Urchristen weiter,
die Offenbarung Gottes tatsächlich in Jesus ihren „Abschluß“ gefunden hätte,
so könnten Teile der Bibel, etwa die Geheime Offenbarung des Johannes oder
die Paulusbriefe, niemals eine Offenbarung Gottes sein. Dann hätte auch
Jesus nicht sagen können: „Ich sende zu euch Propheten ... von ihnen werdet
ihr die einen töten und kreuzigen, die anderen in eueren Bethäusern geißeln
und von Stadt zu Stadt verfolgen“ (Mt 23) – denn dann hätte es nach Jesus
von Nazareth keine Prophetie mehr geben dürfen. Und zu den Unterstellungen
der Dekane: „Wir wollen endlich die Beweise für diese ständigen
Anschuldigungen! Was ist falsch daran, wenn unsere christlichen Betriebe auf
der Grundlage der Bergpredigt aufgebaut und geführt werden? ... Wir sind ein
Teil des Volkes und rufen die Bevölkerung auf, zur Frage Stellung zu nehmen,
ob sie die Verleumdung derer bejaht, die Christus nachfolgen wollen. Wir
rufen es laut in die Öffentlichkeit hinaus: Wo sind die Beweise für die
falschen Anschuldigungen der kirchlichen Vertreter?“
352
Die
Medienkampagne setzt ein
Die Urchristen appellierten nicht von ungefähr
an die Öffentlichkeit. Denn dort spielte sich die nächste, entscheidende
Phase des kirchlichen Kampfes zur Vertreibung der „Ketzerei“ ab. Bis dahin
hatte die Tagespresse relativ objektiv über den erstaunlichen Vorgang
berichtet, dass ein Grundstückskauf plötzlich zum Gegenstand eines
Glaubenskampfes wurde, und beide Seiten zu Wort kommen lassen. Lediglich die
Boulevardpresse war auf die kirchliche Verhöhnungswelle aufgesprungen:
„Bremsen-Bandemer: 30 Mio für ‚Engel Emanuelle’“ lautete eine Schlagzeile
der Bild-Zeitung (8.2.85) – wobei der sich im
Heimholungswerk offenbarende Cherub mit Namen Emanuel kurzerhand zu einer
Engelsfrau gemacht wurde. Oder das Goldene Blatt (30.1.85):
„Für eine Hausfrau wurde Konzernchef Sektenjünger.“
Nun zogen die Kirchen, die über erheblichen Einfluss auf die Presse
verfügen*, alle Register. Die katholische Tageszeitung
Deutsche Tagespost
mit Sitz in Würzburg bringt am 8.3.85 eine ganze Seite über die Urchristen
im Universellen Leben, Überschrift: „Die Sekte hat sie zu verklärten Masken
gemacht“. Für Chefredakteur Harald Vocke sind die Offenbarungen „dämonische
Inspirationen“. Mittelalterlicher Hass auf alles Nicht-Katholische spricht
aus jeder Zeile.
Auch Bild der Frau (18.3.85) zieht über Gabriele
her, „die Sektenführerin, für die ein Millionär alles aufgab“. Die
Bunte Illustrierte
(18.4.85) bringt eine Reportage mit der Überschrift: „Sekten – mit
Kontakten zum Jenseits ein Vermögen auf Erden – das blühende Geschäft einer
Sekte und warum immer mehr darauf reinfallen“. Über die Lehre des
Universellen Lebens heißt es nur: „Und wer glaubt diesen Unfug?“ Das
Bayerische
Fernsehen (4.4.85) bringt einen Bericht, in dem
Graf Magnis, Dekan Elze und Dekan Bauer ausführlich zu Wort kommen,
Vertreter des Heimholungswerkes aber nur am Rande. Der
Spiegel
(6.5.85) veröffentlicht ausgerechnet in der heißen Phase der
Stadtratsentscheidung einen hämischen Artikel: „Göttliche Kraft am
Steißbein“. Die Behauptungen des Ordinariats Würzburg über „meditative
Indoktrination“, „gesteigerten Messianismus“ sowie „modernste Werbe- und
Marketingstrategien“, womit man in eine „emotionale Marktlücke“ vorstoße,
werden genüsslich aufgegriffen. Der Spiegel übernimmt auch ungeprüft die
Falschmeldung des Sekten-Infos, wonach Vlado P., der „die Lehren offenbar
allzu wörtlich nahm“, an „Unterernährung, Eiweiß- und Fettentzug“ gestorben
sei. Der Journalist Heinz Höfl macht sich seitenlang in arroganter
Spiegel-Manier über eine religiöse Bewegung
lustig, geht aber in keiner Weise darauf ein, wie diese Bewegung von der
mächtigen Amtskirche und von staatlichen Stellen diskriminiert wird. Dennoch
hat gerade dieser arrogante Artikel – eine kleine Fußnote – unter anderem
zwei namhafte Juristen erstmalig auf das Universelle Leben aufmerksam
gemacht, die es genau wissen wollten: Wenn der Spiegel
etwas so durch den Kakao zieht, dann muss ja wohl etwas Positives dran sein!
Beide 353 schlossen sich später der Bewegung an.
Kurz vor dem Spiegel-Artikel hatten die beiden
Pfarrer des Stadtteils Heuchelhof, Ulf Claussen (lutherisch) und Erwin Kuhn
(katholisch), ihren Kollegen Pfarrer Haack aus München (s. S. 95 ff.) in die
Turnhalle der Heuchelhofschule geladen. Schon die Überschrift des
katholischen
Volksblatts
(26.4.85) gibt die Richtung vor: „Besorgnis: Einfluß auf Kinder durch HHW“.
Haack legt los: „Religion ist gleich einem Messer: Man kann damit zum Guten
wie zum Bösen wirken. Khomeini ist dafür nur ein Beispiel!“ Derartige
Gemeinschaften (wie das Universelle Leben) seien für ihn „Notgemeinschaften
von Verantwortungsflüchtigen“. Er, Haack, befürchte „vor allem die Gefahr
der Indoktrination von Kindern in den vorgesehenen Kindergärten und
Schulen“. 354 (Als ob es nicht ungezählte kirchliche Schulen und Kindergärten
gäbe – Schulen und Kindergärten waren im übrigen von Jens von Bandemer erst
für die weitere Zukunft genannt worden, hatten also mit der aktuellen
Planung nichts zu tun.) Die Kinder, so Haack weiter, könnten dort „geistig
dressiert“ 355 werden. Wer vorgebe, nach der Bergpredigt leben zu können, der
„überziehe sein Konto“. (Womit der Pfarrer ziemlich genau die Position der
Kirchen zur Bergpredigt des Jesus von Nazareth umschrieben hat.) ...
Lesen Sie weiter im Kapitel 3.5. im Original-Buch
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