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Kapitel 3
DIE VERFOLGUNG DER
URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN
Abschnitt 2
ERSTE
BETRIEBE ENTSTEHEN –
UND DAS UNIVERSELLE LEBEN
(1984)
AUSZÜGE
Mit Exkurs: Angriffe gegen
Marktstände der Urchristen (1984-2003)
Das Heimholungswerk Jesu Christi war inzwischen zu beachtlicher Größe
herangewachsen. In weit über hundert Treffpunkten, sogenannten Inneren
Geist=Christus-Kirchen, im In- und Ausland versammelten sich
Christusfreunde, Bücher wurden in die wichtigsten europäischen Sprachen
übersetzt, Tausende von Menschen besuchten Kurse des Inneren Weges oder
machten die Schulung zu Hause mit Hilfe von Cassetten oder Büchern. Gabriele
fuhr nach Italien, Spanien, Frankreich, ja sogar bis nach Finnland und in
die USA, um Großoffenbarungen zu geben. Das geistige Fundament war gelegt –
und der nächste Schritt erfolgte: die Gründung des Universellen Lebens.
Am 8. April 1984 offenbarte sich Christus in der Mainzer Rheingoldhalle und
sprach:
„Als Jesus von Nazareth versprach Ich das Reich des Friedens, das Reich der
Einheit, das Reich der Liebe, in diesem Reich alle Menschen Brüder sind. ...
Ich habe Mich aufgemacht, um Mein Wort, das Ich als Jesus von Nazareth
sprach, wahrhaftig werden zu lassen. Ich habe, wie zu allen Zeiten, so auch
in der Jetztzeit Menschen gerufen, die sich nach der Wahrheit sehnen. ...
Sie stehen an Meiner Seite und sind bestrebt, das zu verwirklichen und zu
erfüllen, was Ich als Jesus von Nazareth verkündet habe ... Als Ich Mein
Wort durch Mein Instrument erhob, nannte Ich dieses aufblühende Werk, das
den Weg nach Innen, zur Freiheit, zur Wahrheit und zur Liebe lehrt,
Heimholungswerk Jesu Christi. ... Und sie bauten mit Mir, sie gründeten mit
Mir, sie beten und arbeiten und stehen an Meiner Seite, um das in die Welt
zu tragen, was Ich angekündigt habe: ein Reich des Friedens und der Liebe.
Doch dieses Friedensreich muss zuerst in jedem einzelnen von euch
erschlossen werden. Denn wenn aus eurem Inneren nicht Liebe und Frieden
strömen, wenn eure Seele nicht verwurzelt ist in dieser großen ewigen
Pracht, dann kann aus eurem Inneren nicht Liebe und Frieden strömen ... Und
in dieser Stunde rufe Ich in die Unendlichkeit hinaus, auch in die Herzen
der hier anwesenden Theologen: Was Ich auf das Fundament des
Heimholungswerkes Jesu Christi baue, ist das Universelle Leben, die Innere
Religion, die wahre Weltreligion und das Friedensreich Jesu Christi. Wer es
fassen kann, der fasse es! Ich werde wahrmachen, was Ich als Jesus von
Nazareth versprach, denn Ich Bin der Weg und die Wahrheit, Ich Bin das
Leben.“
Das Universelle Leben ist also der Schritt vom Inneren zum Äußeren: Was im
Inneren gewachsen ist, soll auch im Äußeren sichtbar werden. Dazu gehört
auch, dass Menschen, die dabei mithelfen wollen, sich im Äußeren
zusammenschließen, dass sie gemeinsam wohnen und Betriebe und
Sozialeinrichtungen gründen. Wohlgemerkt: Diejenigen, die dies wollen. Die
Mehrzahl der Menschen, die vom Heimholungswerk und vom Universellen Leben
erfahren, bleiben weiterhin an ihrem angestammten Wohnort, besuchen
Veranstaltungen und Kurse, lesen Bücher; viele beschreiten den Weg zu Gott
im eigenen Inneren. Dies ist bis heute so. Aber einige wenige begannen nun
damit, Betriebe und Einrichtungen zu gründen, um zu beweisen, dass die
Bergpredigt auch im Wirtschaftsleben in die Tat umgesetzt werden kann.
Die
Bergpredigt als Grundlage der gemeinsamen Arbeit bedeutet: Es gibt kein Oben
und Unten, sondern alle entscheiden gemeinsam, was getan werden soll. Es
gibt auch keine nennenswerten Gehaltsunterschiede, es sei denn als Zulage
für Kinder. Konflikte werden gelöst, indem jeder zunächst seinen eigenen
Anteil sucht und bereinigt. Jeder bemüht sich, seine Fähigkeiten für das
Wohl des Betriebes einzusetzen und sich mit seinen gedanklichen Kräften auf
die Arbeit zu konzentrieren.
Wer diese Regeln bejaht, kann in einem Christusbetrieb mitarbeiten – auch
wenn er den Glauben der Urchristen nicht teilt. Von Anfang an waren und sind
in den von Urchristen aufgebauten Betrieben auch Mitarbeiter anderer
Glaubensrichtungen beschäftigt. Man vergleiche dies mit der Praxis der
kirchlich geführten Betriebe, wo meist streng auf die Kirchenzugehörigkeit
der Mitarbeiter geachtet wird, auch wenn der Staat die Einrichtung – z.B.
einen Kindergarten oder ein Krankenhaus – zu 90 bis 100 Prozent finanziert.
Die Betriebe und Einrichtungen der Urchristen wie Bauernhöfe, Handwerks- und
Dienstleistungsbetriebe, Kindergärten, eine Schule, eine Klinik, eine
Sozialstation und weitere werden uns alle noch beschäftigen – denn es gab
keinen Betrieb und keine Einrichtung, die nicht von den Kirchen massiv
angegriffen wurde. Im vorliegenden Abschnitt geht es zunächst um die
Landwirtschaft und – in einem Exkurs – um die daran angeschlossenen Märkte.
Der erste Bauernhof –
und der erste Verleumdungsangriff
Denn der erste Angriff erfolgte schon bald nach der Gründung des ersten
Bauernhofes. Im Ortsteil Ruppertzaint in der Gemeinde Arnstein nordöstlich
von Würzburg erwarben einige Urchristen einen kleineren Bauernhof, räumten
ihn auf, renovierten die Gebäude und begannen, auf friedfertige Weise Gemüse
und Getreide anzubauen. Der naturgemäße Anbau entspricht dem urchristlichen
Gedankengut, wonach der Geist Gottes die gesamte Schöpfung durchströmt und
alles von Ihm beatmet wird. Die Natur gilt es daher zu pflegen und zu
erhalten. Tiere leben zwar auf dem Hof, werden aber nicht kommerziell
genützt, vor allem nicht geschlachtet, denn Urchristen sind Vegetarier. Sie
verwenden auch keinen tierischen Dünger für die Felder, sondern
pflanzlichen, z.B. Kleie, Laub, natürliche Mineralstoffe und dergleichen.
Alle drei Jahre darf ein Feld sich ausruhen, liegt also brach.
Ihre Produkte verkauften die Landwirte, die zum Teil schon einschlägige
Landbau-Erfahrung mitbrachten, auf dem nahe gelegenen Wochenmarkt von
Würzburg. Das aber rief unweigerlich die kirchliche Obrigkeit auf den Plan:
Menschen, die gemeinsam leben und arbeiten und sich dabei an religiösen
Zielen orientieren? Die religiöse und wirtschaftliche Betätigung miteinander
verbinden? Klöster dürfen das. Aber was ist mit Menschen, die außerhalb der
Kirchen nicht nur von Religion sprechen, sondern die dabei sind, sich auch
wirtschaftlich selbst zu organisieren und dadurch unabhängig zu machen? Auf
die kann man ja keinen existenziellen Druck mehr ausüben, sie zum Beispiel
bei ihren Arbeitgebern anschwärzen. Das darf nicht sein!
Die Kirche entschließt sich in dieser Situation, ihre Verleumdungen über den
Kreis der „eigenen“ Medien hinaus in die Öffentlichkeit auszuweiten. Das
Würzburger Bischöfliche Ordinariat veranstaltet am 16. Juli 1984 eine
Pressekonferenz – mit großem Bahnhof. Nicht nur Graf Magnis tritt auf,
sondern auch Domkapitular Heinz und Medienreferent Lutz. Magnis gibt die
Richtung vor: Das Heimholungswerk sei eine gezielt konstruierte
„Kunstreligion im Sinne von Bedürfnis und Angebot“, die zeitbedingte
Bewusstseinslagen und Sehnsüchte von jüngeren und älteren Menschen
„geschickt für eigennützige Zwecke zu nutzen scheint“. Das Heimholungswerk
habe als „Innere Geist=Christus-Kirche“ ohne Institutionen, Satzungen und
Zeremonien angefangen, stelle sich jetzt aber als „Wirtschaftsunternehmen“
dar. Das Heimholungswerk besitze „eine Villa im Millionenwert für
Geistheilungen“, ein weiteres Haus für zwei Millionen und einen Bauernhof
für eine Million. Hinzu komme ein vegetarisches Restaurant in Würzburg, zwei
Bäckereien, eine Kosmo-Bio-Nahrungs-GmbH sei gegründet worden.
Einmal abgesehen davon, dass solche Summen im Vergleich mit dem Grund- und
Immobilienbesitz der Kirche in Würzburg lächerlich sind – das
Heimholungswerk besitzt all diese Einrichtungen gar nicht. Sie sind im
Eigentum von Privatpersonen, die Christusfreunde sind. Doch es ist gezielt
der Eindruck erweckt worden, bei den Urchristen ginge es nur ums Geld. Dass
dies nur eine weitere Projektion kirchlicher Verhaltensweisen auf andere
ist, bleibt den meisten Journalisten und Lesern verborgen. Die bayerische
Tagespresse greift das Thema naiv und bereitwillig auf: „Anhänger werden für
eigennützige Zwecke indoktriniert, Jugendliche ausgebeutet“
(Saale-Zeitung)
– „Der Sektengott heißt Mammon – bereits Besitz mit Millionenwert
angesammelt“ (Nürnberger Zeitung) – „Ordinariat warnt vor dubiosen
Geschäften des Heimholungswerks“ (Burghauser Anzeiger)
– „Netz des
Heimholungswerks spannt sich über süddeutschen Raum“ (Kitzinger Zeitung)
–
„Das Ordinariat warnt vor Sekte“ (Main-Post) – „Mickriger Rettich als Beweis
für Interessen – Ordinariat warnt vor Heimholungsbetrieben“
(Münchner
Merkur) – „Ein mickriger Radi als Beweis für Geschäfte im Namen Jesu –
Ordinariat: Verquickung von Religion und Kommerz!“ (Donau-Kurier) – so
lauten die Schlagzeilen, wobei sich der „Radi“ auf einen halb verwelkten
Rettich bezieht, den Graf Magnis einige Tage vor der Pressekonferenz am
Würzburger Marktstand hatte erwerben lassen und den er nun stolz als
„Beweis“ (wofür eigentlich?) vorzeigte.
Die Presse übernimmt ungeprüft die lächerlichen Vorwürfe des Würzburger
Bischofs – also reagieren die Urchristen wieder mit einer großformatigen
Anzeige. Sie erachten es jedoch nicht als erforderlich, auf die absurden
Anschuldigungen der Kirche im einzelnen einzugehen –
denn was soll schon
Böses daran sein, wenn man nicht nur sein Privatleben nach der Bergpredigt
gestaltet, sondern auch das Arbeitsleben mit einbezieht? So stellen die
Urchristen am 28. Juli 1984 in der Main-Post („Wir sind wieder
auferstanden!“) lediglich richtig, dass das Heimholungswerk keinen Besitz
hat und dass „Möglichkeiten für selbstsüchtige und dubiose Geschäfte ... bei
uns ausgeschlossen“ sind. Sie weisen ansonsten auf die lange Tradition
urchristlicher Bewegungen in der Geschichte hin und auf das entstehende
Friedensreich, an dem Menschen unterschiedlicher Berufe mitarbeiten.
Wenn man Menschen aufhetzen will – das weiß die Kirche –, muss man an die
niederen Instinkte appellieren – zum Beispiel an Konkurrenzangst und Neid.
Im Herbst 1984 versucht man deshalb einen Keil in die Würzburger
Naturkostszene zu treiben. Man lanciert am 26.10.84 einen Artikel in das
Fränkische Volksblatt mit der Überschrift: „Naturkostläden sprechen von
Existenzbedrohung – Marktwirtschaft unter ‚religiösen Einflüssen’ – neue
Marktstände arbeiten nicht nach Gesetzen der Marktwirtschaft.“ Angeblich
gebe es auf den von Urchristen betriebenen Marktständen „Dumpingpreise“,
weil, wie Graf Magnis behauptet, Anhänger des Heimholungswerkes „für
Gotteslohn“ auf dem Hof arbeiten würden.
In Wirklichkeit erhalten alle Angestellten auf dem Hof – im Unterschied zu
kirchlichen Nonnen und Mönchen – reguläre Gehälter und sind korrekt
versichert. Und weshalb soll es gegen die Marktwirtschaft verstoßen, wenn
ein Direktvermarkter ein Produkt günstiger anbieten kann als sein
Konkurrent? Die Diskussion ist aber schon deshalb rein akademisch, weil das
Preisgefüge bei einem Naturkost-Marktstand ohnehin etwas höher ist als bei
einem konventionellen Anbieter.
Doch die Kirchen glauben hier einen Hebel entdeckt zu haben, um Urchristen
in ihrer beruflichen Existenz zu treffen. Angriffe auf die von Urchristen
geführten Marktstände und die dahinter stehenden Bauernhöfe gehören zu den
Konstanten kirchlicher Verleumdungsarbeit seit nunmehr zwanzig Jahren.
Um
die perfiden Methoden und die Häufigkeit solcher Angriffe darzustellen,
verlassen wir an dieser Stelle kurz die chronologische Darstellung und
schildern diese Vorgänge anhand ausgewählter Beispiele bis zum Zeitpunkt der
Drucklegung des Buches.
Exkurs: Kirchliche Angriffe gegen
urchristliche Marktstände
„Kauft nicht beim Juden!“, hieß es 1933 in den deutschen Städten. 50 Jahre
später kann man nicht mehr ganz so unverhüllt zum Verkaufsboykott gegen eine
religiöse Minderheit aufrufen. Doch dass es auf Deutschlands Marktplätzen
und an seinen Straßen wohl katholische Karotten und lutherische Kartoffeln,
aber keinesfalls urchristliche Zwiebeln zum Verkauf geben darf, das muss man
den Gläubigen schon beibringen. Sie könnten sich ja sonst mit Ketzerei
anstecken.
Als der Verkaufsfahrer Hans P. Ende September 1986 mit seinem
Verkaufsfahrzeug, beladen mit Produkten des Betriebes „Gut zum Leben“, durch
den unterfränkischen Ort Bergrheinfeld bei Schweinfurt fährt, wird er 500
Meter nach dem evangelischen Pfarrhaus von der Polizei gestoppt und muss
seine Verkaufsfahrt einstellen. Bisher konnte er mit seinem
Reisegewerbeschein, also ohne zusätzliche Genehmigung, jede Woche in diesem
Dorf Gemüse und Brot verkaufen. Doch drei Tage zuvor hatten der katholische
und der evangelische Pfarrer gemeinsam im amtlichen Gemeindeblatt darüber
„informiert“, dass eben dieser Verkaufsfahrer „mit einer Sekte in
Zusammenhang“ stehe. Die Pfarrer fordern ihre Gläubigen auf: „Prüft alles,
und das Gute behaltet!“ Und für den Fall, dass jemand unter den Gläubigen
den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen würde, hatte man vorsichtshalber
die Polizei angerufen. Hans P. beantragte eine extra Verkaufsgenehmigung bei
der Gemeinde, die ihm aber zunächst „aus verkehrstechnischen Gründen“
verweigert wurde. Der Verkäufer bestand jedoch auf einer Prüfung der
Rechtslage, und die Genehmigung musste dann doch erteilt werden.
Seine ersten Lorbeeren als Inquisitor verdiente sich der Theologiestudent
und spätere lutherische Pfarrer und Rufmordbeauftragte Matthias Pöhlmann
damit, dass er am 2.12.89 einen Leserbrief im Fränkischen Tag in Bamberg
veröffentlichen ließ – Überschrift: „Biokost mit bitterem Nachgeschmack.“
Gemeint ist der Marktstand von „Gut zum Leben“ auf dem
Bamberger Markt.
Soviel Einsatz gegen die Ketzer schon in der Ausbildungszeit muss natürlich
belohnt werden. Pöhlmann wird später an der Universität Erlangen eine
Assistentenstelle mit Schwerpunkt „Sekten“ erhalten – und im neuen
Jahrtausend dann zum hauptamtlichen Mitarbeiter der Evangelischen
Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin aufsteigen.
Die Pfarrer:
Beim Verleumden immer vorneweg
Auch in Coburg ist es der Pfarrer persönlich, der den Marktstand gerne zum
Abschuss freigeben würde. Der lutherische Pfarrer Michael Thein
veröffentlicht – unter Weglassung seiner Berufsbezeichnung – in der Neuen
Presse Coburg (2.5.95) und im Coburger
Tageblatt (3.5.95) einen Leserbrief,
der in der Forderung gipfelt, das Gut zum Leben müsse „auch dem
uninformierten und flüchtigen Leser offen legen, dass es sich hier um
Gedankenmaterial des ‚Universellen Lebens’ handelt. Dann kann der mündige
Bürger selbst entscheiden, ob er an diesem Stand sein Geld ausgeben will
oder nicht.“ Pfarrer Thein hat sein Handwerk gelernt: Auch so kann man zum
Boykott aufrufen. Ob der „mündige Bürger“ gemerkt hat, dass der Herr Pfarrer
hier im Grunde eine neue Form des Judensterns, diesmal für „Ketzer“,
gefordert hat? Man versucht – wie im Mittelalter – den „Ketzer“ in eine
ausweglose Lage zu manövrieren: Wie er es auch macht, ist es falsch.
Offenbart er beim Brotverkauf seinen Glauben, wird ihm die Standlizenz
entzogen, weil er „missioniert“. Offenbart er ihn nicht, so verheimlicht er
etwas und ist „gefährlich“. Seltsam ist nur, dass katholische oder
lutherische Bauern noch nie genötigt würden, ihren Taufschein an den
Marktschirm zu hängen.
Ganz ähnliche Töne schlägt die Pröpstin Roswitha Alterhoff in Bad Hersfeld
an. „Das ist Etikettenschwindel“, äußert sie in der Hersfelder Zeitung
(24.1.96) und fügt hinzu: „Vermutlich läuft das Geschäft besser, wenn die
Kunden nicht wissen, bei wem sie kaufen.“ Erinnern solche Worte nicht an die
Agitation von Nationalsozialisten zu Beginn der 30er Jahre, die dafür
sorgten, dass jeder wusste, wer ein jüdischer Geschäftsmann ist und wer
nicht?
In Simmerath bei Aachen ist es der Aachener Rufmordbeauftragte Herbert
Busch, der in Aktion tritt – weil dort zweimal im Jahr ein Marktstand von
Gut zum Leben aufgebaut wird. In der Aachener Volkszeitung 287 fordert Busch,
in „Schulen, Erwachsenenbildung, Verwaltungen und Presse“ solle „die
politische und soziale Auseinandersetzung gesucht werden“ (welch moderne,
eingängige Umschreibung für die alte kirchliche Inquisition), wenn man schon
den Marktstand nicht verbieten könne. Gemeindedirektor Arnold Steins erklärt
daraufhin am folgenden Tag, man wolle „noch einmal prüfen, ob die Sekte
‚Universelles Leben’ die formellen gewerblichen Voraussetzungen erfüllt, um
erneut beim Simmerather Markt in Erscheinung zu treten“. (Wohlgemerkt: Das
Universelle Leben betreibt den Stand gar nicht!) „So lange die Organisation
sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewege und es keine eindeutige
Rechtssprechung gebe, könne er nichts unternehmen. ... ‚Ich bin Katholik,
aber meine private Haltung darf hier keine Rolle spielen.’“ Das ist also das
Äußerste, was sich die urchristlichen Marktbetreiber in so einem Fall
erhoffen dürfen: Ein verschämtes Rückzugsgefecht der Amtsträger, ganz nach
dem Motto: Ich würde sie ja gerne verbieten, aber leider, leider: Es geht
nicht. Angesichts der schrillen Begleitmusik, die dazu die
Aachener
Volkszeitung (3.7.93) spielt – mit der Überschrift „Muß Simmerath weiter mit
der Sekte leben?“ –, schimmert durch die Hinhaltetaktik des Beamten fast
schon wieder so etwas wie ein Hauch von Zivilcourage.
Pfarrern und Pfarrerinnen gehen Verleumdungen und Lügen offenbar überall am
leichtesten von den Lippen – so auch in Pforzheim, wo Pfarrer Hans-Peter
Held Anfang 1997 glattweg und wahrheitswidrig behauptet, in den universellen
Bio-Betrieben arbeiteten „die Leute ohne Bezahlung und Sozialversicherung“.
Im idyllischen Tegernsee macht Pfarrer Rigam in seinem Pfarrbrief auf einen
neuen Laden aufmerksam, den „eine der gefährlichsten Sekten in Deutschland“
angemietet habe. Die Heimatzeitung Miesbacher
Merkur (9.1.98) fragt
pflichteifrigst gleich beim Landratsamt, beim Bürgermeister, bei der
Kriminalpolizei (!) und beim Direktor des Tegernseer Gymnasiums nach, ob es
schon „Berührungspunkte“ mit der „Sekte“ gegeben hätte. Der lutherische
Gemeindepfarrer Wolfgang Spengler holt seinen Kollegen, den
Verleumdungsbeauftragten Behnk, aus München in den Ferienort, wo dieser vor
50 Tegernseern gegen die „gefährliche, sektiererische Organisation“ vom
Leder zieht (Tegernseer Zeitung, 8.5.98). Als Mitarbeiter der Firma Gut zum
Leben einen Handzettel in Tegernsee verteilen, um sich gegen die Hetze zur
Wehr zu setzen, schreibt der Münchner Merkur (12.5.98): „Universelles Leben
greift Sektenpfarrer an“ und zitiert aus dem Handzettel nur einen einzigen
Satz: „Ein Pfarrer darf in Bayern alles sagen – auch wenn es gelogen ist.“
Der Laden in Tegernsee muss daraufhin geschlossen werden. Als statt dessen
im benachbarten Rottach-Egern ein Laden aufgemacht wird, lädt die Firma Gut
zum Leben nach einiger Zeit die Bevölkerung zu einem Vortrag ein. Die Presse
berichtet jedoch nicht über den Vortrag an sich, sondern vorab über den
„Ärger“, den er ausgelöst habe. „Es ist eine Schande, dass unser
Bürgermeister in unserm Kursaal einen Vortrag von einer Sekte erlaubt“, wird
eine „empörte Rottacherin“ in der Lokalzeitung (10.3.00) zitiert. Ihren
Namen wolle die Frau nicht nennen, „weil sie Repressionen der Sekte
befürchtet“. Das ist ein ebenso beliebter wie hinterhältiger Trick von
Kirchenvertretern: Anonym verleumden – und die feige Anonymität gleich
wieder in eine weitere Verleumdung umwandeln. Statt auf das Grundgesetz und
die Meinungsfreiheit zu verweisen (die die Kirchen immer dann in Anspruch
nehmen, wenn sie ihnen nützt), erklärt Bürgermeister Konrad Niedermaier eher
zerknirscht: „Das ist mir alles nicht recht.“ In der Zeitung werden vorab
Behauptungen der Berliner Senatsverwaltung über das Universelle Leben
veröffentlicht wie: Das Ziel der Lehre sei eine „Umprogrammierung des
Individuums zu einem Menschen, der sich von allen Diskussionen fernhält.“
Dass ein solcher Mensch dann nicht zu einem öffentlichen Vortrag mit
Aussprache einladen dürfte, fällt offenbar niemandem auf.
Politiker bei der Schmutzarbeit
Lieber ist es den Kirchenvertretern natürlich, wenn andere ihre Rolle als
Denunzianten übernehmen – z.B. Politiker. Der CSU-Rechtsaußen und damalige
Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Peter Gauweiler, findet es
im Mai 1990 „haaresträubend“, dass Gut zum Leben auf dem
Münchner
Viktualienmarkt einen Stand unterhalten darf – obwohl Gauweiler als Mitglied
der Landesregierung für die Angelegenheiten der Stadt München gar nicht
zuständig und überdies als Regierungsvertreter an das Gebot der
weltanschaulichen Neutralität gebunden ist. Der stellvertretende
CSU-Fraktionsvorsitzende des Münchner Stadtrats, Hans Podiuk (der 2002 zum
OB-Kandidaten gemacht wird), empört sich gar: „Die Stand-Lizenz muß
rückgängig gemacht werden. Die Stadt sollte einen Musterprozeß
anstreben.“ 288 Die Stadt ist so klug, es nicht zu tun – denn sie hätte den
Prozess verloren. Das hindert aber die Journalistin Ilse Mathow nicht daran,
in der Münchner Szene-Zeitung Prinz (5/94) erneut gegen den Stand zu hetzen:
„Sekte unterwandert Münchens Öko-Szene.“ Im Jahr darauf sind es dann zur
Abwechslung die Jungsozialisten, die sich „empört“ über den Stand zeigen:
„Unverständlich“, so Juso-Chef Hannes Gräbner, „dass die Sekte überhaupt
eine Genehmigung erhielt.“ 289 In seinem Brief an Parteifreund und
Oberbürgermeister Ude („mit sozialistischen Grüßen“) offenbart Gräbner
allerdings einen für Nachwuchspolitiker beschämenden Mangel an juristischen
Grundkenntnissen: Er übernimmt – natürlich ohne eigene Nachforschungen
anzustellen – Zitate des Inquisitors Behnk (übrigens auch SPD-„Genosse“),
die dieser sich von Gerichten als durch das Recht auf Meinungsäußerung
gedeckt hat bestätigen lassen. Doch Gräbner schreibt: „Diese Äußerungen sind
durch etliche Beschlüsse ... als den Tatsachen entsprechend für rechtmäßig
erklärt worden.“ Genau das – ob diese Behauptungen den Tatsachen entsprechen
– haben die Gerichte aber gar nicht untersucht. Als auch die CSU mit einer
erneuten Stadtratsanfrage den Marktstand vertreiben will, stellt der
Münchner Kommunalreferent Georg Welsch im November 1995 klar: Die Jahre
zuvor von der Stadt getroffene Einschätzung, dass die Firma Gut zum Leben
„ein leistungsfähiger Anbieter eines wirklich umfassenden Sortiments aus
biologisch kontrolliertem Anbau“ sei, habe sich „voll bestätigt“. Die Firma
betreibe keinerlei weltanschauliche Werbung, „sie hält sich strikt an die
Marktordnung und kommt ihren Zahlungsverpflichtungen pünktlich nach ... Dem
Kommunalreferat sind keine Umstände bekannt, die vor diesem Hintergrund den
Widerruf der Zuweisung rechtfertigen würden.“
„Naturfreunde“ – oder Kirchenhörige?
Doch in der Zwischenzeit wird ein Verkaufsboykott längst auf
überregionaler
Ebene propagiert: Im Juni 1992 veröffentlicht Birgit Schumacher in der
Zeitschrift Öko-Test einen Artikel mit der Überschrift: „Falsche Propheten
im Bioladen – Sekten sichern sich im Biobereich zunehmend wirtschaftliche
Macht.“ Schumacher äußert sich abfällig über eine Offenbarung, an der sie
teilgenommen hat. Sodann behauptet sie, das Universelle Leben habe „ein
Wirtschaftsimperium mit über hundert Betrieben“ aufgebaut. Auf dem Inneren
Weg müsse man sich „von Verstand und Intellektualität lösen“. Die nächste
Lüge: „Nur wer sich der Gemeinschaft anschließt, wird gerettet.“ Schumacher
redet wahrheitswidrig von „Abgabe der Ersparnisse“, das Universelle Leben
gehöre zu den „Gemeinschaften, die mit scheinbar religiösen Hintergründen
autoritäre Systeme aufbauen, die Menschen nicht nur das Geld wegnehmen,
sondern ihnen auch den freien Willen absprechen und sie unmündig machen“.
Wieder eine Projektion: Martin Luther spricht in seiner Lehre dem Menschen
eindeutig den freien Willen ab 290 – für die Urchristen ist hingegen die
Beachtung des freien Willens ein zentrales Gebot.
Birgit Schumacher erweckt mit geschickter Polemik sogar den Eindruck, als ob
die von Urchristen betriebenen Höfe gar nicht ernsthaft ökologisch
wirtschaften würden: Der Bioland-Verband habe „schon schlechte Erfahrungen“
mit den Gut-zum-Leben-Höfen gemacht, der Vorgang fülle „einen ganzen
Aktenordner“ (als ob man am Papier-Umfang eines Vorgangs irgendeine Wahrheit
ablesen könnte). Anfang 1989 sei „Zugekauftes ... als Bioland-Ware verkauft“
worden. „Schon wenig später wurden neue Falschdeklarationen bekannt.“ Gut
zum Leben sei dann mit seiner eigenen Kündigung der Kündigung durch den
Anbau-Verband nur um wenige Tage zuvorgekommen.
Diese „Story“ wird in den darauf folgenden Jahren bis heute immer wieder
aufgewärmt werden. Die Wahrheit ist: Einen Konflikt mit dem Bioland-Verband
gab es seinerzeit tatsächlich. Doch die Auslöser waren denkbar harmlos: Bei
der zugekauften und versehentlich nicht korrekt deklarierten Ware handelte
es sich um Produkte des Anbauverbandes „Demeter“, also auch um
kontrolliert-ökologisch angebaute Artikel. Ansonsten wurde lediglich
beanstandet, dass ein Feld vier Wochen zu früh als „voll umgestellt“
bezeichnet wurde. Nach Aussagen der betroffenen Gut-zum-Leben-Landwirte
(aber die wollte ja keiner hören) hatten seinerzeit maßgebliche Funktionäre
bei „Bioland“ eine Art ideologischen Vorbehalt gegen größere Höfe, also auch
gegen einen gemeinschaftlich erworbenen und bewirtschafteten wie den der
Urchristen. Darüber hinaus existierten auch religiöse Vorbehalte. So
erklärte ein Angehöriger des Bioland-Verbandes im März 1989 auf einem
Landwirte-Treffen in Neumarkt (Oberpfalz), man werde diese Leute in nächster
Zeit wegen „Rufschädigung“ aus dem Verband hinauswerfen, denn es sei „eine
Sekte, in die man nicht hineinschauen kann“, außerdem seien sie „schon so
stark – über 100 Mann und machen uns die Preise kaputt“. Und es bestehe der
Verdacht, dass sie konventionelle Tomaten zugekauft hätten. Letzteres ist
die Lüge eines katholischen Denunzianten (S. 264).
In einem freien Land hat jeder Gewerbetreibende das Recht, sich im Rahmen
der jeweiligen Auswahlmöglichkeiten einen Berufsverband frei zu wählen.
Einem Ketzer jedoch wird sofort Übles unterstellt, wenn er es wagt, von
dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Die Gut-zum-Leben-Höfe wechselten
seinerzeit zum ökologischen Anbauverband ANOG 291, wo sie ebenso genau
bezüglich der Einhaltung ökologischer Kriterien kontrolliert wurden wie
zuvor.
Für den 3. Januar 1993 wird in der Programmzeitschrift TV Hören und Sehen
eine Fernsehsendung zum Thema „Öko-Sekten – dubiose Geschäfte mit der
Umwelt“ angekündigt. Die Zeitschrift FF-aktuell kündigt für dieselbe Sendung
einen Bericht über das Universelle Leben an: „Die Sekte ‚Universelles Leben’
verkauft angeblich Produkte aus kontrolliertem Anbau, doch beim
‚Bioland’-Verband Bayern wird gegen sie ermittelt.“ Birgit Schumacher hat
ihr Verleumdungsziel erreicht: Das Wörtchen „angeblich“ reicht schon für den
Rufmord. Hinzu kommt die dreiste Lüge einer „Ermittlung“ – der Konflikt mit
„Bioland“ war drei Jahre zuvor bereits abgeschlossen worden. Doch es geht
weiter im Text: Die Verbraucher sollten davor gewarnt werden, „gutgläubig in
alternativen Ökoläden“ einzukaufen – „denn manchmal stecken dahinter
Sekten-Gurus, die jetzt auch auf der Öko-Welle reiten“. Dann wird ein
„Markus D.“ erwähnt, der vom Universellen Leben „bitter enttäuscht“ worden
sei. Man habe ihm dort sein Sparbuch abgenommen, ihm Sex verboten und
„Gehorsam bis zur Selbstaufgabe“ verlangt. Doch diesen „Markus D.“ gibt es
nicht; Nachforschungen bleiben ergebnislos. So klagt das Universelle Leben
gegen die Zeitschrift, die solchen Unsinn abdruckt, auf Unterlassung – diese
versichert, so etwas nie wieder behaupten zu wollen, das Verfahren wird
eingestellt. Aber die Lügen sind in der Welt. Wer wird sie rückgängig
machen?
Immerhin ist der Bayerische Rundfunk gewarnt – entgegen der Ankündigung
kommt das Universelle Leben in der fraglichen Sendung nicht vor. Doch das
dazugehörige Begleitheft Globus (2/93), herausgegeben vom Bund für Umwelt-
und Naturschutz Baden-Württemberg, war offenbar schon im Druck. Hier kommt
wieder Birgit Schumacher zu Wort: Das Universelle Leben mache ein „Geschäft
mit der Apokalypse“. Seine Lehre habe „Arche-Noah-Charakter: Nur wer sich
der Gemeinschaft anschließt, wird gerettet“. Es sei an dieser Stelle
angemerkt, dass diese „Arche-Noah-Aussage“ typisch für die katholische
Kirche ist: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Im Universellen Leben
werden solche Aussagen ausdrücklich nicht gemacht – dort wird vielmehr
gelehrt, dass eine wie auch immer geartete religiöse Mitgliedschaft dem
Menschen kein Heil bringen kann, sondern einzig eine Lebensweise
entsprechend den göttlichen Gesetzen. Doch Schumacher schert sich nicht um
diese Tatsache. Die „Abgabe der Ersparnisse“, so heißt es wiederum, sei
„Grundvoraussetzung für ein Leben in der Gemeinschaft“. (Auch dies ist
unrichtig: Im Gegensatz zum Eintritt in ein katholisches Kloster muss
jemand, der in einem Betrieb der Urchristen mitarbeitet, nichts abgeben.) Am
Ende des „Naturschutz“-Heftes darf noch Beate Seitz-Weinzierl,
Diplom-Theologin und Ehefrau des BUND-Vorsitzenden Hubert Weinzierl, ihren
Beitrag leisten. Sie findet es „bedenklich, dass an sich positiv besetzte
Bestandteile der Ökologiebewegung ... als Vehikel benutzt werden, um obskure
Glaubenslehren unters Volk zu bringen. ... Es ist auch für die
Umweltbewegung schädlich, wenn das ganze ökologische Katastrophen-Repertoire
vom Waldsterben über Ozonloch und Klimaveränderung bis zur Gentechnik ...
für eine Heilslehre herhalten muß.“
Vielleicht würde es der Umweltbewegung nicht schaden, sich einmal Gedanken
darüber zu machen, weshalb die Großkirchen auf keine der schwerwiegenden
Umwelt-Herausforderungen eine klare Antwort gegeben haben: Sie haben sich
weder klar gegen die Atomkraft noch gegen Tierversuche, weder gegen
Gentechnik noch gegen industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung
ausgesprochen; sie haben nie ein klares Bekenntnis etwa für den ökologischen
Landbau abgegeben, von einem Eintreten für die gequälte Tierwelt ganz zu
schweigen. Wenn nun eine Glaubensbewegung wie das Universelle Leben nicht
nur zu all diesen Fragen klar Stellung bezieht, sondern auch beginnt, danach
zu handeln, werden ihr von professionellen „Umweltschützern“ unlautere
Motive unterstellt ...
Im Oktober 1997 setzt die Frauenzeitschrift Amica die überregionale Kampagne
fort. Werner Paczian veröffentlicht dort einen Hetzartikel mit der
Überschrift „Die miesen Tricks der Öko-Sekte“. Die miesen Tricks von
Amica
lernten die Urchristen bereits am 25. Mai 1997 kennen, als mitten in einer
ihrer sonntäglichen Veranstaltungen in Würzburg der Fotograf Wolfgang
Gressmann aus Hamburg aufstand, einen bis dahin versteckten Fotoapparat
hervorzog und wie wild zu knipsen begann. Als er auf wiederholte
Aufforderung hin damit nicht aufhörte, wurde er des Saales verwiesen und
aufgefordert, die Bilder herauszugeben, die ohne Einverständnis der Besucher
aufgenommen worden waren. Als Gressmann und ein Begleiter, vermutlich
Paczian, daraufhin wegliefen, wurde die Polizei gerufen. Im Beisein der
Beamten übergab Gressmann einem Vertreter des Universellen Lebens zwei
Filme, die aber nicht die im Veranstaltungsraum aufgenommenen Bilder
enthielten. Der Anwalt der Urchristen erreichte zwar vor dem
Verwaltungsgericht Hamburg, dass der Zeitschrift Amica, für die die beiden
arbeiteten, die Verwendung der Bilder untersagt wurde – doch Paczian rächte
sich mit einer Flut von Schmähungen: „Sekten-Konzern“, „Greuel-Imperium“,
„die Qualitätskontrolle der Lebensmittel ist zweifelhaft“ (obwohl die
Kontrollen bei allen anerkannten Bio-Verbänden äußerst streng sind).
Druck auf Stadtverwaltungen
Mit solcher Munition wird dann wiederum Druck auf Stadtverwaltungen
ausgeübt. In der Hanauer
Zeitung vom 6.4.94 steht zu lesen, dass sich „im
Rathaus immer wieder Marktkunden beschweren“ – über den Stand von Gut zum
Leben, der dort seit fünf Jahren steht. Welche „Marktkunden“ das sind, ist
unschwer zu erraten. Der Journalist Joachim Haas-Feldmann versäumt es nicht,
die neusten Verleumdungen von kirchlicher Seite mit anzufügen. Um die
Perfidie eines solchen Vorgehens zu erfassen, genügt es, sich den analogen
Fall vorzustellen: Was wäre, wenn ein Jude oder ein Ausländer einen
Marktstand in Hanau oder anderswo betreiben würde – und wenn sich dann
ständig bestimmte Personen mit entsprechenden antisemitischen oder
ausländerfeindlichen Parolen bei der Stadtverwaltung „beschweren“ würden?
Wie würden die Beamten, die Politiker, die Unternehmer reagieren, was würden
die Zeitungen schreiben?
Bei „Ketzern“ braucht man da als Politiker nicht lange nachzudenken. Als
Stefan Bahn von der Jungen Union Hanau 1997 die Stadt zur „Überprüfung“ des
Marktstandes auffordert, antwortet Oberbürgermeisterin Margret Härtel fast
devot, „dass sie alles versuchen werde, bei einem Nachweis irgendeiner
Verbindung des Marktstandes mit der Sekte diesem die Standgenehmigung zu
entziehen. Weiter betont die Oberbürgermeisterin, die
später wegen des Vorwurfs von finanziellen Unregelmäßigkeiten ihr Amt
aufgeben musste, dass sie alles tun werde,
um eine Festsetzung einer Sekte in Hanau zu verhindern.“ 292 Seit wann ist es
Aufgabe von auf die Verfassung vereidigten Stadtoberhäuptern, religiöse
Minderheiten aus ihren Städten zu vertreiben? Dass Hanau einmal eine Stadt
war, in der eine verfolgte religiöse Minderheit, die Hugenotten, Aufnahme
fand, scheint im historischen Gedächtnis keinerlei Spuren hinterlassen zu
haben.
Dadurch und durch das Beispiel ihrer Parteifreunde aus Neu-Isenburg (s.u. S.
189) ermutigt, wiederholt die Junge Union ihre „Warnung“ im April 1998 und
fügt hinzu: „Mit einem Boykott träfe man die Sekte an ihrer empfindlichsten
Stelle.“ 293 Also, könnte man hinzufügen: Schlagt die Ketzer, wo ihr sie
treffen könnt! ...
Lesen Sie weiter im Kapitel 3.2. im Original-Buch
Weitere Beispiele für
kirchliche Angriffe auf Marktstände finden sich
hier.
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