Das Buch
 

Der Steinadler und sein Schwefelgeruch
- Das neue Mittelalter

Buch, 464 Seiten, gebunden,
mit zahlreichen Abbildungen
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ISBN 978-3-9808322-3-6

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Kapitel 3

DIE VERFOLGUNG DER URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN

Abschnitt 2
ERSTE BETRIEBE ENTSTEHEN –
UND DAS UNIVERSELLE LEBEN

(1984)

AUSZÜGE

Mit Exkurs: Angriffe gegen Marktstände der Urchristen (1984-2003)

Das Heimholungswerk Jesu Christi war inzwischen zu beachtlicher Größe herangewachsen. In weit über hundert Treffpunkten, sogenannten Inneren Geist=Christus-Kirchen, im In- und Ausland versammelten sich Christusfreunde, Bücher wurden in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt, Tausende von Menschen besuchten Kurse des Inneren Weges oder machten die Schulung zu Hause mit Hilfe von Cassetten oder Büchern. Gabriele fuhr nach Italien, Spanien, Frankreich, ja sogar bis nach Finnland und in die USA, um Großoffenbarungen zu geben. Das geistige Fundament war gelegt – und der nächste Schritt erfolgte: die Gründung des Universellen Lebens.

Am 8. April 1984 offenbarte sich Christus in der Mainzer Rheingoldhalle und sprach:

„Als Jesus von Nazareth versprach Ich das Reich des Friedens, das Reich der Einheit, das Reich der Liebe, in diesem Reich alle Menschen Brüder sind. ... Ich habe Mich aufgemacht, um Mein Wort, das Ich als Jesus von Nazareth sprach, wahrhaftig werden zu lassen. Ich habe, wie zu allen Zeiten, so auch in der Jetztzeit Menschen gerufen, die sich nach der Wahrheit sehnen. ... Sie stehen an Meiner Seite und sind bestrebt, das zu verwirklichen und zu erfüllen, was Ich als Jesus von Nazareth verkündet habe ... Als Ich Mein Wort durch Mein Instrument erhob, nannte Ich dieses aufblühende Werk, das den Weg nach Innen, zur Freiheit, zur Wahrheit und zur Liebe lehrt, Heimholungswerk Jesu Christi. ... Und sie bauten mit Mir, sie gründeten mit Mir, sie beten und arbeiten und stehen an Meiner Seite, um das in die Welt zu tragen, was Ich angekündigt habe: ein Reich des Friedens und der Liebe. Doch dieses Friedensreich muss zuerst in jedem einzelnen von euch erschlossen werden. Denn wenn aus eurem Inneren nicht Liebe und Frieden strömen, wenn eure Seele nicht verwurzelt ist in dieser großen ewigen Pracht, dann kann aus eurem Inneren nicht Liebe und Frieden strömen ... Und in dieser Stunde rufe Ich in die Unendlichkeit hinaus, auch in die Herzen der hier anwesenden Theologen: Was Ich auf das Fundament des Heimholungswerkes Jesu Christi baue, ist das Universelle Leben, die Innere Religion, die wahre Weltreligion und das Friedensreich Jesu Christi. Wer es fassen kann, der fasse es! Ich werde wahrmachen, was Ich als Jesus von Nazareth versprach, denn Ich Bin der Weg und die Wahrheit, Ich Bin das Leben.“

Das Universelle Leben ist also der Schritt vom Inneren zum Äußeren: Was im Inneren gewachsen ist, soll auch im Äußeren sichtbar werden. Dazu gehört auch, dass Menschen, die dabei mithelfen wollen, sich im Äußeren zusammenschließen, dass sie gemeinsam wohnen und Betriebe und Sozialeinrichtungen gründen. Wohlgemerkt: Diejenigen, die dies wollen. Die Mehrzahl der Menschen, die vom Heimholungswerk und vom Universellen Leben erfahren, bleiben weiterhin an ihrem angestammten Wohnort, besuchen Veranstaltungen und Kurse, lesen Bücher; viele beschreiten den Weg zu Gott im eigenen Inneren. Dies ist bis heute so. Aber einige wenige begannen nun damit, Betriebe und Einrichtungen zu gründen, um zu beweisen, dass die Bergpredigt auch im Wirtschaftsleben in die Tat umgesetzt werden kann. Die Bergpredigt als Grundlage der gemeinsamen Arbeit bedeutet: Es gibt kein Oben und Unten, sondern alle entscheiden gemeinsam, was getan werden soll. Es gibt auch keine nennenswerten Gehaltsunterschiede, es sei denn als Zulage für Kinder. Konflikte werden gelöst, indem jeder zunächst seinen eigenen Anteil sucht und bereinigt. Jeder bemüht sich, seine Fähigkeiten für das Wohl des Betriebes einzusetzen und sich mit seinen gedanklichen Kräften auf die Arbeit zu konzentrieren.

Wer diese Regeln bejaht, kann in einem Christusbetrieb mitarbeiten – auch wenn er den Glauben der Urchristen nicht teilt. Von Anfang an waren und sind in den von Urchristen aufgebauten Betrieben auch Mitarbeiter anderer Glaubensrichtungen beschäftigt. Man vergleiche dies mit der Praxis der kirchlich geführten Betriebe, wo meist streng auf die Kirchenzugehörigkeit der Mitarbeiter geachtet wird, auch wenn der Staat die Einrichtung – z.B. einen Kindergarten oder ein Krankenhaus – zu 90 bis 100 Prozent finanziert.

Die Betriebe und Einrichtungen der Urchristen wie Bauernhöfe, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, Kindergärten, eine Schule, eine Klinik, eine Sozialstation und weitere werden uns alle noch beschäftigen – denn es gab keinen Betrieb und keine Einrichtung, die nicht von den Kirchen massiv angegriffen wurde. Im vorliegenden Abschnitt geht es zunächst um die Landwirtschaft und – in einem Exkurs – um die daran angeschlossenen Märkte.

Der erste Bauernhof – und der erste Verleumdungsangriff

Denn der erste Angriff erfolgte schon bald nach der Gründung des ersten Bauernhofes. Im Ortsteil Ruppertzaint in der Gemeinde Arnstein nordöstlich von Würzburg erwarben einige Urchristen einen kleineren Bauernhof, räumten ihn auf, renovierten die Gebäude und begannen, auf friedfertige Weise Gemüse und Getreide anzubauen. Der naturgemäße Anbau entspricht dem urchristlichen Gedankengut, wonach der Geist Gottes die gesamte Schöpfung durchströmt und alles von Ihm beatmet wird. Die Natur gilt es daher zu pflegen und zu erhalten. Tiere leben zwar auf dem Hof, werden aber nicht kommerziell genützt, vor allem nicht geschlachtet, denn Urchristen sind Vegetarier. Sie verwenden auch keinen tierischen Dünger für die Felder, sondern pflanzlichen, z.B. Kleie, Laub, natürliche Mineralstoffe und dergleichen. Alle drei Jahre darf ein Feld sich ausruhen, liegt also brach.

Ihre Produkte verkauften die Landwirte, die zum Teil schon einschlägige Landbau-Erfahrung mitbrachten, auf dem nahe gelegenen Wochenmarkt von Würzburg. Das aber rief unweigerlich die kirchliche Obrigkeit auf den Plan: Menschen, die gemeinsam leben und arbeiten und sich dabei an religiösen Zielen orientieren? Die religiöse und wirtschaftliche Betätigung miteinander verbinden? Klöster dürfen das. Aber was ist mit Menschen, die außerhalb der Kirchen nicht nur von Religion sprechen, sondern die dabei sind, sich auch wirtschaftlich selbst zu organisieren und dadurch unabhängig zu machen? Auf die kann man ja keinen existenziellen Druck mehr ausüben, sie zum Beispiel bei ihren Arbeitgebern anschwärzen. Das darf nicht sein!

Die Kirche entschließt sich in dieser Situation, ihre Verleumdungen über den Kreis der „eigenen“ Medien hinaus in die Öffentlichkeit auszuweiten. Das Würzburger Bischöfliche Ordinariat veranstaltet am 16. Juli 1984 eine Pressekonferenz – mit großem Bahnhof. Nicht nur Graf Magnis tritt auf, sondern auch Domkapitular Heinz und Medienreferent Lutz. Magnis gibt die Richtung vor: Das Heimholungswerk sei eine gezielt konstruierte „Kunstreligion im Sinne von Bedürfnis und Angebot“, die zeitbedingte Bewusstseinslagen und Sehnsüchte von jüngeren und älteren Menschen „geschickt für eigennützige Zwecke zu nutzen scheint“. Das Heimholungswerk habe als „Innere Geist=Christus-Kirche“ ohne Institutionen, Satzungen und Zeremonien angefangen, stelle sich jetzt aber als „Wirtschaftsunternehmen“ dar. Das Heimholungswerk besitze „eine Villa im Millionenwert für Geistheilungen“, ein weiteres Haus für zwei Millionen und einen Bauernhof für eine Million. Hinzu komme ein vegetarisches Restaurant in Würzburg, zwei Bäckereien, eine Kosmo-Bio-Nahrungs-GmbH sei gegründet worden.

Einmal abgesehen davon, dass solche Summen im Vergleich mit dem Grund- und Immobilienbesitz der Kirche in Würzburg lächerlich sind – das Heimholungswerk besitzt all diese Einrichtungen gar nicht. Sie sind im Eigentum von Privatpersonen, die Christusfreunde sind. Doch es ist gezielt der Eindruck erweckt worden, bei den Urchristen ginge es nur ums Geld. Dass dies nur eine weitere Projektion kirchlicher Verhaltensweisen auf andere ist, bleibt den meisten Journalisten und Lesern verborgen. Die bayerische Tagespresse greift das Thema naiv und bereitwillig auf: „Anhänger werden für eigennützige Zwecke indoktriniert, Jugendliche ausgebeutet“ (Saale-Zeitung) – „Der Sektengott heißt Mammon – bereits Besitz mit Millionenwert angesammelt“ (Nürnberger Zeitung) – „Ordinariat warnt vor dubiosen Geschäften des Heimholungswerks“ (Burghauser Anzeiger) – „Netz des Heimholungswerks spannt sich über süddeutschen Raum“ (Kitzinger Zeitung) – „Das Ordinariat warnt vor Sekte“ (Main-Post) – „Mickriger Rettich als Beweis für Interessen – Ordinariat warnt vor Heimholungsbetrieben“ (Münchner Merkur) – „Ein mickriger Radi als Beweis für Geschäfte im Namen Jesu – Ordinariat: Verquickung von Religion und Kommerz!“ (Donau-Kurier) – so lauten die Schlagzeilen, wobei sich der „Radi“ auf einen halb verwelkten Rettich bezieht, den Graf Magnis einige Tage vor der Pressekonferenz am Würzburger Marktstand hatte erwerben lassen und den er nun stolz als „Beweis“ (wofür eigentlich?) vorzeigte.

Die Presse übernimmt ungeprüft die lächerlichen Vorwürfe des Würzburger Bischofs – also reagieren die Urchristen wieder mit einer großformatigen Anzeige. Sie erachten es jedoch nicht als erforderlich, auf die absurden Anschuldigungen der Kirche im einzelnen einzugehen – denn was soll schon Böses daran sein, wenn man nicht nur sein Privatleben nach der Bergpredigt gestaltet, sondern auch das Arbeitsleben mit einbezieht? So stellen die Urchristen am 28. Juli 1984 in der Main-Post („Wir sind wieder auferstanden!“) lediglich richtig, dass das Heimholungswerk keinen Besitz hat und dass „Möglichkeiten für selbstsüchtige und dubiose Geschäfte ... bei uns ausgeschlossen“ sind. Sie weisen ansonsten auf die lange Tradition urchristlicher Bewegungen in der Geschichte hin und auf das entstehende Friedensreich, an dem Menschen unterschiedlicher Berufe mitarbeiten.

Wenn man Menschen aufhetzen will – das weiß die Kirche –, muss man an die niederen Instinkte appellieren – zum Beispiel an Konkurrenzangst und Neid. Im Herbst 1984 versucht man deshalb einen Keil in die Würzburger Naturkostszene zu treiben. Man lanciert am 26.10.84 einen Artikel in das Fränkische Volksblatt mit der Überschrift: „Naturkostläden sprechen von Existenzbedrohung – Marktwirtschaft unter ‚religiösen Einflüssen’ – neue Marktstände arbeiten nicht nach Gesetzen der Marktwirtschaft.“ Angeblich gebe es auf den von Urchristen betriebenen Marktständen „Dumpingpreise“, weil, wie Graf Magnis behauptet, Anhänger des Heimholungswerkes „für Gotteslohn“ auf dem Hof arbeiten würden.

In Wirklichkeit erhalten alle Angestellten auf dem Hof – im Unterschied zu kirchlichen Nonnen und Mönchen – reguläre Gehälter und sind korrekt versichert. Und weshalb soll es gegen die Marktwirtschaft verstoßen, wenn ein Direktvermarkter ein Produkt günstiger anbieten kann als sein Konkurrent? Die Diskussion ist aber schon deshalb rein akademisch, weil das Preisgefüge bei einem Naturkost-Marktstand ohnehin etwas höher ist als bei einem konventionellen Anbieter.

Doch die Kirchen glauben hier einen Hebel entdeckt zu haben, um Urchristen in ihrer beruflichen Existenz zu treffen. Angriffe auf die von Urchristen geführten Marktstände und die dahinter stehenden Bauernhöfe gehören zu den Konstanten kirchlicher Verleumdungsarbeit seit nunmehr zwanzig Jahren. Um die perfiden Methoden und die Häufigkeit solcher Angriffe darzustellen, verlassen wir an dieser Stelle kurz die chronologische Darstellung und schildern diese Vorgänge anhand ausgewählter Beispiele bis zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches.

Exkurs: Kirchliche Angriffe gegen urchristliche Marktstände

„Kauft nicht beim Juden!“, hieß es 1933 in den deutschen Städten. 50 Jahre später kann man nicht mehr ganz so unverhüllt zum Verkaufsboykott gegen eine religiöse Minderheit aufrufen. Doch dass es auf Deutschlands Marktplätzen und an seinen Straßen wohl katholische Karotten und lutherische Kartoffeln, aber keinesfalls urchristliche Zwiebeln zum Verkauf geben darf, das muss man den Gläubigen schon beibringen. Sie könnten sich ja sonst mit Ketzerei anstecken.

Als der Verkaufsfahrer Hans P. Ende September 1986 mit seinem Verkaufsfahrzeug, beladen mit Produkten des Betriebes „Gut zum Leben“, durch den unterfränkischen Ort Bergrheinfeld bei Schweinfurt fährt, wird er 500 Meter nach dem evangelischen Pfarrhaus von der Polizei gestoppt und muss seine Verkaufsfahrt einstellen. Bisher konnte er mit seinem Reisegewerbeschein, also ohne zusätzliche Genehmigung, jede Woche in diesem Dorf Gemüse und Brot verkaufen. Doch drei Tage zuvor hatten der katholische und der evangelische Pfarrer gemeinsam im amtlichen Gemeindeblatt darüber „informiert“, dass eben dieser Verkaufsfahrer „mit einer Sekte in Zusammenhang“ stehe. Die Pfarrer fordern ihre Gläubigen auf: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ Und für den Fall, dass jemand unter den Gläubigen den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen würde, hatte man vorsichtshalber die Polizei angerufen. Hans P. beantragte eine extra Verkaufsgenehmigung bei der Gemeinde, die ihm aber zunächst „aus verkehrstechnischen Gründen“ verweigert wurde. Der Verkäufer bestand jedoch auf einer Prüfung der Rechtslage, und die Genehmigung musste dann doch erteilt werden.

Seine ersten Lorbeeren als Inquisitor verdiente sich der Theologiestudent und spätere lutherische Pfarrer und Rufmordbeauftragte Matthias Pöhlmann damit, dass er am 2.12.89 einen Leserbrief im Fränkischen Tag in Bamberg veröffentlichen ließ – Überschrift: „Biokost mit bitterem Nachgeschmack.“ Gemeint ist der Marktstand von „Gut zum Leben“ auf dem Bamberger Markt. Soviel Einsatz gegen die Ketzer schon in der Ausbildungszeit muss natürlich belohnt werden. Pöhlmann wird später an der Universität Erlangen eine Assistentenstelle mit Schwerpunkt „Sekten“ erhalten – und im neuen Jahrtausend dann zum hauptamtlichen Mitarbeiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin aufsteigen.

Die Pfarrer: Beim Verleumden immer vorneweg

Auch in Coburg ist es der Pfarrer persönlich, der den Marktstand gerne zum Abschuss freigeben würde. Der lutherische Pfarrer Michael Thein veröffentlicht – unter Weglassung seiner Berufsbezeichnung – in der Neuen Presse Coburg (2.5.95) und im Coburger Tageblatt (3.5.95) einen Leserbrief, der in der Forderung gipfelt, das Gut zum Leben müsse „auch dem uninformierten und flüchtigen Leser offen legen, dass es sich hier um Gedankenmaterial des ‚Universellen Lebens’ handelt. Dann kann der mündige Bürger selbst entscheiden, ob er an diesem Stand sein Geld ausgeben will oder nicht.“ Pfarrer Thein hat sein Handwerk gelernt: Auch so kann man zum Boykott aufrufen. Ob der „mündige Bürger“ gemerkt hat, dass der Herr Pfarrer hier im Grunde eine neue Form des Judensterns, diesmal für „Ketzer“, gefordert hat? Man versucht – wie im Mittelalter – den „Ketzer“ in eine ausweglose Lage zu manövrieren: Wie er es auch macht, ist es falsch. Offenbart er beim Brotverkauf seinen Glauben, wird ihm die Standlizenz entzogen, weil er „missioniert“. Offenbart er ihn nicht, so verheimlicht er etwas und ist „gefährlich“. Seltsam ist nur, dass katholische oder lutherische Bauern noch nie genötigt würden, ihren Taufschein an den Marktschirm zu hängen.

Ganz ähnliche Töne schlägt die Pröpstin Roswitha Alterhoff in Bad Hersfeld an. „Das ist Etikettenschwindel“, äußert sie in der Hersfelder Zeitung (24.1.96) und fügt hinzu: „Vermutlich läuft das Geschäft besser, wenn die Kunden nicht wissen, bei wem sie kaufen.“ Erinnern solche Worte nicht an die Agitation von Nationalsozialisten zu Beginn der 30er Jahre, die dafür sorgten, dass jeder wusste, wer ein jüdischer Geschäftsmann ist und wer nicht?

In Simmerath bei Aachen ist es der Aachener Rufmordbeauftragte Herbert Busch, der in Aktion tritt – weil dort zweimal im Jahr ein Marktstand von Gut zum Leben aufgebaut wird. In der Aachener Volkszeitung 287 fordert Busch, in „Schulen, Erwachsenenbildung, Verwaltungen und Presse“ solle „die politische und soziale Auseinandersetzung gesucht werden“ (welch moderne, eingängige Umschreibung für die alte kirchliche Inquisition), wenn man schon den Marktstand nicht verbieten könne. Gemeindedirektor Arnold Steins erklärt daraufhin am folgenden Tag, man wolle „noch einmal prüfen, ob die Sekte ‚Universelles Leben’ die formellen gewerblichen Voraussetzungen erfüllt, um erneut beim Simmerather Markt in Erscheinung zu treten“. (Wohlgemerkt: Das Universelle Leben betreibt den Stand gar nicht!) „So lange die Organisation sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewege und es keine eindeutige Rechtssprechung gebe, könne er nichts unternehmen. ... ‚Ich bin Katholik, aber meine private Haltung darf hier keine Rolle spielen.’“ Das ist also das Äußerste, was sich die urchristlichen Marktbetreiber in so einem Fall erhoffen dürfen: Ein verschämtes Rückzugsgefecht der Amtsträger, ganz nach dem Motto: Ich würde sie ja gerne verbieten, aber leider, leider: Es geht nicht. Angesichts der schrillen Begleitmusik, die dazu die Aachener Volkszeitung (3.7.93) spielt – mit der Überschrift „Muß Simmerath weiter mit der Sekte leben?“ –, schimmert durch die Hinhaltetaktik des Beamten fast schon wieder so etwas wie ein Hauch von Zivilcourage.

Pfarrern und Pfarrerinnen gehen Verleumdungen und Lügen offenbar überall am leichtesten von den Lippen – so auch in Pforzheim, wo Pfarrer Hans-Peter Held Anfang 1997 glattweg und wahrheitswidrig behauptet, in den universellen Bio-Betrieben arbeiteten „die Leute ohne Bezahlung und Sozialversicherung“. Im idyllischen Tegernsee macht Pfarrer Rigam in seinem Pfarrbrief auf einen neuen Laden aufmerksam, den „eine der gefährlichsten Sekten in Deutschland“ angemietet habe. Die Heimatzeitung Miesbacher Merkur (9.1.98) fragt pflichteifrigst gleich beim Landratsamt, beim Bürgermeister, bei der Kriminalpolizei (!) und beim Direktor des Tegernseer Gymnasiums nach, ob es schon „Berührungspunkte“ mit der „Sekte“ gegeben hätte. Der lutherische Gemeindepfarrer Wolfgang Spengler holt seinen Kollegen, den Verleumdungsbeauftragten Behnk, aus München in den Ferienort, wo dieser vor 50 Tegernseern gegen die „gefährliche, sektiererische Organisation“ vom Leder zieht (Tegernseer Zeitung, 8.5.98). Als Mitarbeiter der Firma Gut zum Leben einen Handzettel in Tegernsee verteilen, um sich gegen die Hetze zur Wehr zu setzen, schreibt der Münchner Merkur (12.5.98): „Universelles Leben greift Sektenpfarrer an“ und zitiert aus dem Handzettel nur einen einzigen Satz: „Ein Pfarrer darf in Bayern alles sagen – auch wenn es gelogen ist.“

Der Laden in Tegernsee muss daraufhin geschlossen werden. Als statt dessen im benachbarten Rottach-Egern ein Laden aufgemacht wird, lädt die Firma Gut zum Leben nach einiger Zeit die Bevölkerung zu einem Vortrag ein. Die Presse berichtet jedoch nicht über den Vortrag an sich, sondern vorab über den „Ärger“, den er ausgelöst habe. „Es ist eine Schande, dass unser Bürgermeister in unserm Kursaal einen Vortrag von einer Sekte erlaubt“, wird eine „empörte Rottacherin“ in der Lokalzeitung (10.3.00) zitiert. Ihren Namen wolle die Frau nicht nennen, „weil sie Repressionen der Sekte befürchtet“. Das ist ein ebenso beliebter wie hinterhältiger Trick von Kirchenvertretern: Anonym verleumden – und die feige Anonymität gleich wieder in eine weitere Verleumdung umwandeln. Statt auf das Grundgesetz und die Meinungsfreiheit zu verweisen (die die Kirchen immer dann in Anspruch nehmen, wenn sie ihnen nützt), erklärt Bürgermeister Konrad Niedermaier eher zerknirscht: „Das ist mir alles nicht recht.“ In der Zeitung werden vorab Behauptungen der Berliner Senatsverwaltung über das Universelle Leben veröffentlicht wie: Das Ziel der Lehre sei eine „Umprogrammierung des Individuums zu einem Menschen, der sich von allen Diskussionen fernhält.“ Dass ein solcher Mensch dann nicht zu einem öffentlichen Vortrag mit Aussprache einladen dürfte, fällt offenbar niemandem auf.

Politiker bei der Schmutzarbeit

Lieber ist es den Kirchenvertretern natürlich, wenn andere ihre Rolle als Denunzianten übernehmen – z.B. Politiker. Der CSU-Rechtsaußen und damalige Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Peter Gauweiler, findet es im Mai 1990 „haaresträubend“, dass Gut zum Leben auf dem Münchner Viktualienmarkt einen Stand unterhalten darf – obwohl Gauweiler als Mitglied der Landesregierung für die Angelegenheiten der Stadt München gar nicht zuständig und überdies als Regierungsvertreter an das Gebot der weltanschaulichen Neutralität gebunden ist. Der stellvertretende CSU-Fraktionsvorsitzende des Münchner Stadtrats, Hans Podiuk (der 2002 zum OB-Kandidaten gemacht wird), empört sich gar: „Die Stand-Lizenz muß rückgängig gemacht werden. Die Stadt sollte einen Musterprozeß anstreben.“ 288 Die Stadt ist so klug, es nicht zu tun – denn sie hätte den Prozess verloren. Das hindert aber die Journalistin Ilse Mathow nicht daran, in der Münchner Szene-Zeitung Prinz (5/94) erneut gegen den Stand zu hetzen: „Sekte unterwandert Münchens Öko-Szene.“ Im Jahr darauf sind es dann zur Abwechslung die Jungsozialisten, die sich „empört“ über den Stand zeigen: „Unverständlich“, so Juso-Chef Hannes Gräbner, „dass die Sekte überhaupt eine Genehmigung erhielt.“ 289 In seinem Brief an Parteifreund und Oberbürgermeister Ude („mit sozialistischen Grüßen“) offenbart Gräbner allerdings einen für Nachwuchspolitiker beschämenden Mangel an juristischen Grundkenntnissen: Er übernimmt – natürlich ohne eigene Nachforschungen anzustellen – Zitate des Inquisitors Behnk (übrigens auch SPD-„Genosse“), die dieser sich von Gerichten als durch das Recht auf Meinungsäußerung gedeckt hat bestätigen lassen. Doch Gräbner schreibt: „Diese Äußerungen sind durch etliche Beschlüsse ... als den Tatsachen entsprechend für rechtmäßig erklärt worden.“ Genau das – ob diese Behauptungen den Tatsachen entsprechen – haben die Gerichte aber gar nicht untersucht. Als auch die CSU mit einer erneuten Stadtratsanfrage den Marktstand vertreiben will, stellt der Münchner Kommunalreferent Georg Welsch im November 1995 klar: Die Jahre zuvor von der Stadt getroffene Einschätzung, dass die Firma Gut zum Leben „ein leistungsfähiger Anbieter eines wirklich umfassenden Sortiments aus biologisch kontrolliertem Anbau“ sei, habe sich „voll bestätigt“. Die Firma betreibe keinerlei weltanschauliche Werbung, „sie hält sich strikt an die Marktordnung und kommt ihren Zahlungsverpflichtungen pünktlich nach ... Dem Kommunalreferat sind keine Umstände bekannt, die vor diesem Hintergrund den Widerruf der Zuweisung rechtfertigen würden.“

„Naturfreunde“ – oder Kirchenhörige?

Doch in der Zwischenzeit wird ein Verkaufsboykott längst auf überregionaler Ebene propagiert: Im Juni 1992 veröffentlicht Birgit Schumacher in der Zeitschrift Öko-Test einen Artikel mit der Überschrift: „Falsche Propheten im Bioladen – Sekten sichern sich im Biobereich zunehmend wirtschaftliche Macht.“ Schumacher äußert sich abfällig über eine Offenbarung, an der sie teilgenommen hat. Sodann behauptet sie, das Universelle Leben habe „ein Wirtschaftsimperium mit über hundert Betrieben“ aufgebaut. Auf dem Inneren Weg müsse man sich „von Verstand und Intellektualität lösen“. Die nächste Lüge: „Nur wer sich der Gemeinschaft anschließt, wird gerettet.“ Schumacher redet wahrheitswidrig von „Abgabe der Ersparnisse“, das Universelle Leben gehöre zu den „Gemeinschaften, die mit scheinbar religiösen Hintergründen autoritäre Systeme aufbauen, die Menschen nicht nur das Geld wegnehmen, sondern ihnen auch den freien Willen absprechen und sie unmündig machen“. Wieder eine Projektion: Martin Luther spricht in seiner Lehre dem Menschen eindeutig den freien Willen ab 290 – für die Urchristen ist hingegen die Beachtung des freien Willens ein zentrales Gebot.

Birgit Schumacher erweckt mit geschickter Polemik sogar den Eindruck, als ob die von Urchristen betriebenen Höfe gar nicht ernsthaft ökologisch wirtschaften würden: Der Bioland-Verband habe „schon schlechte Erfahrungen“ mit den Gut-zum-Leben-Höfen gemacht, der Vorgang fülle „einen ganzen Aktenordner“ (als ob man am Papier-Umfang eines Vorgangs irgendeine Wahrheit ablesen könnte). Anfang 1989 sei „Zugekauftes ... als Bioland-Ware verkauft“ worden. „Schon wenig später wurden neue Falschdeklarationen bekannt.“ Gut zum Leben sei dann mit seiner eigenen Kündigung der Kündigung durch den Anbau-Verband nur um wenige Tage zuvorgekommen.

Diese „Story“ wird in den darauf folgenden Jahren bis heute immer wieder aufgewärmt werden. Die Wahrheit ist: Einen Konflikt mit dem Bioland-Verband gab es seinerzeit tatsächlich. Doch die Auslöser waren denkbar harmlos: Bei der zugekauften und versehentlich nicht korrekt deklarierten Ware handelte es sich um Produkte des Anbauverbandes „Demeter“, also auch um kontrolliert-ökologisch angebaute Artikel. Ansonsten wurde lediglich beanstandet, dass ein Feld vier Wochen zu früh als „voll umgestellt“ bezeichnet wurde. Nach Aussagen der betroffenen Gut-zum-Leben-Landwirte (aber die wollte ja keiner hören) hatten seinerzeit maßgebliche Funktionäre bei „Bioland“ eine Art ideologischen Vorbehalt gegen größere Höfe, also auch gegen einen gemeinschaftlich erworbenen und bewirtschafteten wie den der Urchristen. Darüber hinaus existierten auch religiöse Vorbehalte. So erklärte ein Angehöriger des Bioland-Verbandes im März 1989 auf einem Landwirte-Treffen in Neumarkt (Oberpfalz), man werde diese Leute in nächster Zeit wegen „Rufschädigung“ aus dem Verband hinauswerfen, denn es sei „eine Sekte, in die man nicht hineinschauen kann“, außerdem seien sie „schon so stark – über 100 Mann und machen uns die Preise kaputt“. Und es bestehe der Verdacht, dass sie konventionelle Tomaten zugekauft hätten. Letzteres ist die Lüge eines katholischen Denunzianten (S. 264).

In einem freien Land hat jeder Gewerbetreibende das Recht, sich im Rahmen der jeweiligen Auswahlmöglichkeiten einen Berufsverband frei zu wählen. Einem Ketzer jedoch wird sofort Übles unterstellt, wenn er es wagt, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Die Gut-zum-Leben-Höfe wechselten seinerzeit zum ökologischen Anbauverband ANOG 291, wo sie ebenso genau bezüglich der Einhaltung ökologischer Kriterien kontrolliert wurden wie zuvor.

Für den 3. Januar 1993 wird in der Programmzeitschrift TV Hören und Sehen eine Fernsehsendung zum Thema „Öko-Sekten – dubiose Geschäfte mit der Umwelt“ angekündigt. Die Zeitschrift FF-aktuell kündigt für dieselbe Sendung einen Bericht über das Universelle Leben an: „Die Sekte ‚Universelles Leben’ verkauft angeblich Produkte aus kontrolliertem Anbau, doch beim ‚Bioland’-Verband Bayern wird gegen sie ermittelt.“ Birgit Schumacher hat ihr Verleumdungsziel erreicht: Das Wörtchen „angeblich“ reicht schon für den Rufmord. Hinzu kommt die dreiste Lüge einer „Ermittlung“ – der Konflikt mit „Bioland“ war drei Jahre zuvor bereits abgeschlossen worden. Doch es geht weiter im Text: Die Verbraucher sollten davor gewarnt werden, „gutgläubig in alternativen Ökoläden“ einzukaufen – „denn manchmal stecken dahinter Sekten-Gurus, die jetzt auch auf der Öko-Welle reiten“. Dann wird ein „Markus D.“ erwähnt, der vom Universellen Leben „bitter enttäuscht“ worden sei. Man habe ihm dort sein Sparbuch abgenommen, ihm Sex verboten und „Gehorsam bis zur Selbstaufgabe“ verlangt. Doch diesen „Markus D.“ gibt es nicht; Nachforschungen bleiben ergebnislos. So klagt das Universelle Leben gegen die Zeitschrift, die solchen Unsinn abdruckt, auf Unterlassung – diese versichert, so etwas nie wieder behaupten zu wollen, das Verfahren wird eingestellt. Aber die Lügen sind in der Welt. Wer wird sie rückgängig machen?

Immerhin ist der Bayerische Rundfunk gewarnt – entgegen der Ankündigung kommt das Universelle Leben in der fraglichen Sendung nicht vor. Doch das dazugehörige Begleitheft Globus (2/93), herausgegeben vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Baden-Württemberg, war offenbar schon im Druck. Hier kommt wieder Birgit Schumacher zu Wort: Das Universelle Leben mache ein „Geschäft mit der Apokalypse“. Seine Lehre habe „Arche-Noah-Charakter: Nur wer sich der Gemeinschaft anschließt, wird gerettet“. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass diese „Arche-Noah-Aussage“ typisch für die katholische Kirche ist: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Im Universellen Leben werden solche Aussagen ausdrücklich nicht gemacht – dort wird vielmehr gelehrt, dass eine wie auch immer geartete religiöse Mitgliedschaft dem Menschen kein Heil bringen kann, sondern einzig eine Lebensweise entsprechend den göttlichen Gesetzen. Doch Schumacher schert sich nicht um diese Tatsache. Die „Abgabe der Ersparnisse“, so heißt es wiederum, sei „Grundvoraussetzung für ein Leben in der Gemeinschaft“. (Auch dies ist unrichtig: Im Gegensatz zum Eintritt in ein katholisches Kloster muss jemand, der in einem Betrieb der Urchristen mitarbeitet, nichts abgeben.) Am Ende des „Naturschutz“-Heftes darf noch Beate Seitz-Weinzierl, Diplom-Theologin und Ehefrau des BUND-Vorsitzenden Hubert Weinzierl, ihren Beitrag leisten. Sie findet es „bedenklich, dass an sich positiv besetzte Bestandteile der Ökologiebewegung ... als Vehikel benutzt werden, um obskure Glaubenslehren unters Volk zu bringen. ... Es ist auch für die Umweltbewegung schädlich, wenn das ganze ökologische Katastrophen-Repertoire vom Waldsterben über Ozonloch und Klimaveränderung bis zur Gentechnik ... für eine Heilslehre herhalten muß.“

Vielleicht würde es der Umweltbewegung nicht schaden, sich einmal Gedanken darüber zu machen, weshalb die Großkirchen auf keine der schwerwiegenden Umwelt-Herausforderungen eine klare Antwort gegeben haben: Sie haben sich weder klar gegen die Atomkraft noch gegen Tierversuche, weder gegen Gentechnik noch gegen industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung ausgesprochen; sie haben nie ein klares Bekenntnis etwa für den ökologischen Landbau abgegeben, von einem Eintreten für die gequälte Tierwelt ganz zu schweigen. Wenn nun eine Glaubensbewegung wie das Universelle Leben nicht nur zu all diesen Fragen klar Stellung bezieht, sondern auch beginnt, danach zu handeln, werden ihr von professionellen „Umweltschützern“ unlautere Motive unterstellt ...

Im Oktober 1997 setzt die Frauenzeitschrift Amica die überregionale Kampagne fort. Werner Paczian veröffentlicht dort einen Hetzartikel mit der Überschrift „Die miesen Tricks der Öko-Sekte“. Die miesen Tricks von Amica lernten die Urchristen bereits am 25. Mai 1997 kennen, als mitten in einer ihrer sonntäglichen Veranstaltungen in Würzburg der Fotograf Wolfgang Gressmann aus Hamburg aufstand, einen bis dahin versteckten Fotoapparat hervorzog und wie wild zu knipsen begann. Als er auf wiederholte Aufforderung hin damit nicht aufhörte, wurde er des Saales verwiesen und aufgefordert, die Bilder herauszugeben, die ohne Einverständnis der Besucher aufgenommen worden waren. Als Gressmann und ein Begleiter, vermutlich Paczian, daraufhin wegliefen, wurde die Polizei gerufen. Im Beisein der Beamten übergab Gressmann einem Vertreter des Universellen Lebens zwei Filme, die aber nicht die im Veranstaltungsraum aufgenommenen Bilder enthielten. Der Anwalt der Urchristen erreichte zwar vor dem Verwaltungsgericht Hamburg, dass der Zeitschrift Amica, für die die beiden arbeiteten, die Verwendung der Bilder untersagt wurde – doch Paczian rächte sich mit einer Flut von Schmähungen: „Sekten-Konzern“, „Greuel-Imperium“, „die Qualitätskontrolle der Lebensmittel ist zweifelhaft“ (obwohl die Kontrollen bei allen anerkannten Bio-Verbänden äußerst streng sind).

Druck auf Stadtverwaltungen

Mit solcher Munition wird dann wiederum Druck auf Stadtverwaltungen ausgeübt. In der Hanauer Zeitung vom 6.4.94 steht zu lesen, dass sich „im Rathaus immer wieder Marktkunden beschweren“ – über den Stand von Gut zum Leben, der dort seit fünf Jahren steht. Welche „Marktkunden“ das sind, ist unschwer zu erraten. Der Journalist Joachim Haas-Feldmann versäumt es nicht, die neusten Verleumdungen von kirchlicher Seite mit anzufügen. Um die Perfidie eines solchen Vorgehens zu erfassen, genügt es, sich den analogen Fall vorzustellen: Was wäre, wenn ein Jude oder ein Ausländer einen Marktstand in Hanau oder anderswo betreiben würde – und wenn sich dann ständig bestimmte Personen mit entsprechenden antisemitischen oder ausländerfeindlichen Parolen bei der Stadtverwaltung „beschweren“ würden? Wie würden die Beamten, die Politiker, die Unternehmer reagieren, was würden die Zeitungen schreiben?

Bei „Ketzern“ braucht man da als Politiker nicht lange nachzudenken. Als Stefan Bahn von der Jungen Union Hanau 1997 die Stadt zur „Überprüfung“ des Marktstandes auffordert, antwortet Oberbürgermeisterin Margret Härtel fast devot, „dass sie alles versuchen werde, bei einem Nachweis irgendeiner Verbindung des Marktstandes mit der Sekte diesem die Standgenehmigung zu entziehen. Weiter betont die Oberbürgermeisterin, die später wegen des Vorwurfs von finanziellen Unregelmäßigkeiten ihr Amt aufgeben musste, dass sie alles tun werde, um eine Festsetzung einer Sekte in Hanau zu verhindern.“ 292 Seit wann ist es Aufgabe von auf die Verfassung vereidigten Stadtoberhäuptern, religiöse Minderheiten aus ihren Städten zu vertreiben? Dass Hanau einmal eine Stadt war, in der eine verfolgte religiöse Minderheit, die Hugenotten, Aufnahme fand, scheint im historischen Gedächtnis keinerlei Spuren hinterlassen zu haben.

Dadurch und durch das Beispiel ihrer Parteifreunde aus Neu-Isenburg (s.u. S. 189) ermutigt, wiederholt die Junge Union ihre „Warnung“ im April 1998 und fügt hinzu: „Mit einem Boykott träfe man die Sekte an ihrer empfindlichsten Stelle.“ 293 Also, könnte man hinzufügen: Schlagt die Ketzer, wo ihr sie treffen könnt! ...

Lesen Sie weiter im Kapitel 3.2. im Original-Buch

Weitere Beispiele für kirchliche Angriffe auf Marktstände finden sich hier.

 

 

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