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DER STEINADLER
UND SEIN KIRCHLICHER SCHWEFELGERUCH
Scharfe Augen hat er, der Adler. Er sieht
genau, was sich auf seinem Territorium abspielt. Er beschützt seine Jungen
und versorgt sie mit Nahrung. Er ist jederzeit bereit, einzugreifen, wenn
ihnen Gefahr droht.
Ist der Adler deshalb das Wappentier vieler Staaten geworden, auch des
deutschen Staates? Karl der Große übernahm den Adler als Sinnbild der
kaiserlichen Gewalt von den römischen Truppen, Kaiser Friedrich Barbarossa
setzte ihn ins Reichswappen des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher
Nation“. (Von beiden Kaisern wird in diesem Buch noch die Rede sein.) Sowohl
für Österreich-Ungarn (zwei Köpfe) als auch für Preußen (ein Kopf) war der
Adler das Symbol staatlicher Macht. In der Demokratie steht diese
Staatsmacht für die Einhaltung der Menschenrechte und die Gleichbehandlung
aller Bürger.
Doch was ist, wenn der Staatsadler seiner Aufgabe nicht mehr nachkommt, für
seine Bürger zu sorgen und sie gerecht zu behandeln? Wenn der Steinadler
sich von anderen Vögeln – vielleicht: von schwarzgefiederten – beeinflussen
lässt und beginnt, Steine auf bestimmte seiner Kinder zu werfen? Zum
Beispiel auf die, die etwas anderes denken und glauben als das „Übliche“?
Dann wird er womöglich von der Kirche der Schwarzgefiederten selig
gesprochen. Und zum Dank dafür darf er dann auch den schwarzen Vögeln einen
guten Teil des Futters überlassen, das er von den Steuerzahlern erhalten
hat.
Nicht umsonst war der Adler bereits auf den römischen Feldzeichen
abgebildet. Denn schon seit römischen Zeiten beeinflusst die Kirche den
Staat und drängt ihn z.B. dazu, gegen die „Ketzer“ vorzugehen. Diese
Zusammenarbeit klappt auch heute noch vorzüglich. Im Februar 2001 fuhren der
deutsche Innenminister Otto Schily und der deutsche Außenminister Joschka
Fischer (ein ehemaliger Ministrant) nach Rom, um dort an der feierlichen
Amtseinführung neuer – vor allem auch deutscher – Kardinäle teilzunehmen.
Dieser Besuch beim Papst sei „Ausdruck der guten, partnerschaftlichen
Beziehungen der Bundesregierung zu den Kirchen“ – so das offizielle Dossier
aus dem Innenministerium. Der Papst seinerseits hatte am Weihnachtstag 2000
einmal mehr zur „weltweiten Achtung der Menschenrechte“ aufgerufen, zu
denen, so hat er es z.B. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 1999
präzisiert, „die Religionsfreiheit“ gehöre.
Schöne Worte, schöne Gesten: Schily und Fischer fahren nach Rom, verneigen
sich vor dem Papst – und zu Hause verfolgen die Katholiken und die
Lutheraner Andersgläubige, bezeichnen sie – mit staatlicher Unterstützung –
als „Sektierer“. Sorgen dafür, dass „solche Leute“ keine Säle mieten, keine
Zeitungsanzeigen schalten können, dass sie Schwierigkeiten bekommen, eine
Wohnung zu mieten, dass manche von ihnen ihren Arbeitsplatz verlieren, dass
ihre Kinder als „Sektenschweine“ beschimpft werden ...
Wie haben die Kirchen das geschafft? Wie haben sie es nicht nur geschafft,
dass der Staat ihnen bei der Verfolgung Andersgläubiger behilflich ist
–
sondern auch, dass die „normale“ Öffentlichkeit dieses scheinheilige
Gebaren, dieses Auseinanderklaffen von schönen Worten und weniger schönen
Taten, ganz normal findet? Dass vielen gar nicht auffällt, dass etwas faul
ist im Lande des Steinadlers? Dass sie den stechenden Schwefelgeruch gar
nicht bemerken, den der Adler annimmt, wenn er tut, was die
Schwarzgefiederten wollen?
Um diese Frage zu beantworten, werden wir Staat und Kirche einmal auf die
Finger schauen – vom Jahre Eins bis zum Jahre Zweitausenddrei. Die letzten
20 Jahre werden exemplarisch am Beispiel einer Glaubensgemeinschaft
dargestellt, die nach Meinung der Kirchen zu den „gefährlichsten“ in
Deutschland zählt: die Urchristen im Universellen Leben. Gefährlich sind sie
ja tatsächlich, die Urchristen, soviel sei schon verraten – gefährlich für
die Amtskirchen, weil die Urchristen aufdecken, wie die Verhaltensweisen und
Ziele der kirchlichen Institutionen wirklich sind: alles andere als
christlich ...
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Vorwort für
Akademiker und Kirchenchristen
(Nicht zu lesen von Nicht-Akademikern und aus
der Kirche Ausgetretenen)
Nachdem Karlheinz Deschner (mit dessen Titanen-Arbeit ich das vorliegende
Buch keineswegs vergleichen möchte) damit begonnen hatte, die
„Kriminalgeschichte des Christentums“ zu schreiben, wurde ihm von
kirchlicher Seite sehr rasch der Vorwurf der „Einseitigkeit“ gemacht. Doch
keiner konnte ihm bisher historische Fehler oder falsch dargestellte Fakten
– von belanglosen Einzelheiten abgesehen – nachweisen.
Allein die Tatsache, dass jemand nicht in den Chor der staats- und
kirchentragenden Historiker einstimmt, genügt immer noch, ihn abzulehnen, in
der Regel mit dem wohlfeilen Argument mangelnder Wissenschaftlichkeit.
Das vorliegende Buch wurde nicht von einem Historiker geschrieben, sondern
von einem Anhänger einer verfolgten religiösen Minderheit. Wer
Ungerechtigkeiten anprangert, der wird in den Augen derer, die diese
Ungerechtigkeiten verursacht haben, immer „einseitig“ sein. Doch wer sonst
hätte dieses Buch schreiben sollen, wenn nicht ein Betroffener? Oder sollten
die Betroffenen, die Ausgegrenzten, so lange warten, bis ein „objektiver“
Historiker sich ihres Themas irgendwann erbarmt – vielleicht in hundert
Jahren?
Eine objektive Geschichtsschreibung gibt es jedoch nicht.1 Und warten kann
das Thema auch nicht – im Gegenteil. Es müsste all jenen unter den Nägeln
brennen, denen unsere Demokratie und die darin garantierten Menschenrechte
am Herzen liegen. Soviel zum akademischen Aspekt der „Ausgewogenheit“.
Aber auch wenn (oder vielmehr: gerade wenn) die im vorliegenden Buch
vorgelegten Fakten nicht widerlegt werden können – wer es kann, soll es
bitte tun –, so wird es vermutlich wieder Stimmen von Katholiken und
Protestanten geben, die sagen: „Die Fakten sind ja unbestreitbar. Aber der
Ton ...! So ein Hass gegen die Kirche! Dabei gibt es doch in der Kirche so
viel Gutes!“
Was den Ton angeht: Wem der Text gelegentlich etwas ironisch erscheint, der
nehme dies als kleine Lesehilfe. Denn vielleicht geht es dem Leser wie dem
Autor: Mit wirklich schlimmen Sachen kann man sich auf die Dauer nur mit
einer gewissen Distanz befassen. Sonst hält man es kaum aus.
Im übrigen kann ich Sie, werter Leser, schon im Vorhinein beruhigen (oder –
je nachdem – beunruhigen): Ich hasse die Kirche nicht. Und die Gläubigen
erst recht nicht. Ich war schließlich selbst bis zu meinem Kirchenaustritt
im 26. Lebensjahr ein braver Katholik. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich
weiß, dass es in den Kirchen viele Menschen gibt, die sich ehrlich bemühen,
die Lehre des Jesus von Nazareth in ihrem Leben umzusetzen. Aber die Kirche
selbst, das System Kirche? Und genau darum geht es nicht zuletzt in diesem
Buch: Was hat das, was die Kirche seit Jahrhunderten mit religiösen
Minderheiten anstellt, mit der Lehre des Nazareners zu tun? Das vorliegende
Buch zeigt, dass weder die Inquisition im Mittelalter noch die heutige Ausgrenzung
nicht-kirchlicher Glaubensgemeinschaften gelegentliche Ausrutscher sind. Es handelt
sich hingegen um den Normalfall. Und was das viele Gute betrifft, das es
innerhalb der Kirche ohne Zweifel gibt: Wer trägt es denn in diese
Institution hinein? Die Kirchenoberen - oder die Menschen, die ehrliches
Engagement, ihre Arbeitskraft oder ihre Kirchensteuern über Jahrzehnte dort
einbringen, in dem naiven Glauben , das sei Gottes Wille.
Ein nachdenklicher Kirchenchrist könnte weiter fragen: Was haben denn die
Lehrsätze, die Gebräuche, die Verhaltensweisen der offiziellen
Kirchenvertreter mit der ursprünglichen Lehre des Jesus von Nazareth zu tun?
Doch ob er sich diese Frage stellt, sei jedem selbst überlassen. In der
Bibel selbst findet sich die klare Auforderung, wie mit einer
veräußerlichten Machtkirche umzugehen ist: „Tretet aus von ihr, mein Volk“,
heißt es da, „damit ihr ihrer Sünden nicht teilhaftig werdet und von ihren
Plagen nichts mitbekommet!“ (Off 18,4)
Marktheidenfeld, im August 2003
Der Autor
1 vgl. dazu: Karlheinz Deschner, „Kriminalgeschichte des Christentums,
Band 1, S. 11 ff, sowie Bd. 5, Editorial
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