Aktuell

 

Dr. jur. Christian Sailer
Dr. jur. Gert-Joachim Hetzel

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Rechtsanwälte

 

Dr. Sailer, Dr. Hetzel - Max-Braun-Str. 2 - 97828 Marktheidenfeld-Altfeld

Westdeutscher Rundfunk Köln
Redaktion: "Monitor"
zu Hd. von
1) Frau Sonia Mikich
2) Herrn Markus Zeidler
Appellhofplatz 1

50667 Köln
Per Telefax voraus: 0221/220-5694

11. Mai 2005
s-h

Sehr geehrte Frau Mikich, sehr geehrter Herr Zeidler,

wie ich gestern telefonisch erfuhr, trägt sich Ihre Redaktion mit dem Gedanken, einen Beitrag über die Glaubensgemeinschaft Universelles Leben zu produzieren. In diesem Zusammenhang fragten Sie mich, ob ich in meiner Funktion als Pressesprecher der Glaubensgemeinschaft zu einem Interview bereit sei.

Auf meine Frage, was der Anlass für den in Aussicht genommenen Beitrag sei, teilten Sie, sehr geehrter Herr Zeidler, mir mit, dass es "Aussteigerberichte" gebe und dass es um "wirtschaftliche Verflechtungen" gehe. Daraus ergab sich dann ein längeres – beiderseits freundlich geführtes – Telefonat, in dessen Verlauf ich schilderte, warum ich gegenwärtig einem Interview eher skeptisch gegenüberstehe: Ich schilderte, wie oft ich schon Fernsehjournalisten durch Einrichtungen von Anhängern der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (Schule, Klinik etc.) geführt habe und wie ich immer wieder erleben musste, dass am Schneidetisch der jeweiligen Redaktionen am Ende ein Ergebnis produziert wurde, das mit der Realität nur mehr wenig zu tun hatte. Kirchliche "Sektenbeauftragte" durften sich breit und ziemlich übel über religiöse Konkurrenten auslassen, sogenannte Aussteiger wurden mit verstellter Stimme vorgeführt, um Angstszenarien aufzubauen. In den Wochen danach wurden dann die Anhänger der Gemeinschaft an ihren Arbeitsplätzen beschimpft und bedroht. Kurzum: Meine Interviewbeteiligung führte lediglich dazu, dass Sendungen angereichert werden, die im Grunde genommen dämonisierenden, um nicht zu sagen volksaufhetzenden Charakter hatten.

Ich sagte Ihnen, sehr geehrter Herr Zeidler, dass ich Ihnen derartige Absichten keineswegs unterstellen möchte. Dies wiederhole ich hiermit ausdrücklich. Gleichwohl hat mich Ihr Ansatz "Aussteigerberichte" und "wirtschaftliche Verflechtungen" doch ein wenig nachdenklich gestimmt, um nicht zu sagen enttäuscht:

In diesem Kontext habe ich dann darauf hingewiesen, dass in Deutschland seit einigen Jahren eine Art "Sektenhysterie" grassiert, die von den Kirchen angeheizt wurde, die Andersgläubige, die sich zu neuen religiösen Bewegungen zusammenschließen, mit dem Sektenetikett versehen und damit stigmatisieren. Damit Sie nicht den Eindruck gewinnen, dies sei die vereinzelte Meinung eines Betroffenen, darf ich Ihnen anbei den Artikel eines führenden deutschen Staatsrechtslehrers zum Thema "Religiöse Diskriminierung in Deutschland" übersenden. Martin Kriele ist Katholik und hat mit dem Universellen Leben oder anderen außerkirchlichen Gemeinschaften nichts zu tun. Umso nachdenklicher sollten seine Ausführungen machen. Sein Artikel beginnt mit dem Merksatz: "In keiner freiheitlichen Demokratie wird Diskriminierung wegen der Religion oder Weltanschauung so schamlos betrieben wie in Deutschland."

In diese angeheizte Atmosphäre fügen sich leider auch die von Ihnen genannten Stichworte ein. Ich sagte Ihnen, dass die Glaubensgemeinschaft Universelles Leben von einem gemeinnützigen Verein organisiert wird, der ausschließlich von Spenden lebt, dass die meisten Anhänger der Glaubensgemeinschaft in ihrem bisherigen Lebensumfeld leben, während sich einige Hundert in der Umgebung von Würzburg zusammengetan haben, um gemeinsam ihren Lebensunterhalt in landwirtschaftlichen und handwerklichen Betrieben zu verdienen, und vegetarische Lebensmittel auf süddeutschen Märkten zu vertreiben. Die Betriebe sind selbständig, die Glaubensgemeinschaft ist daran nicht beteiligt. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter dieser Betriebe haben auch weltanschaulich mit dem Universellen Leben nichts zu tun. Insofern kann ich nicht erkennen, wo hier das "Problem" liegt. Selbst wenn "wirtschaftliche Verflechtungen" existieren würden, wäre derartiges doch nicht verboten. Oder verhält es sich bei einer religiösen Minderheit anders als bei den beiden Großkirchen. Bekanntlich betreiben diese in Deutschland 50.000 Unternehmen mit 1,3 Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 125 Milliarden Euro. Hier könnte wirklich ein Problem liegen, wenn man bedenkt, dass das "Wirtschaftsimperium Kirche" zugleich ein öffentliches Meinungsimperium ist, während es im Fall der Anhänger der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben um ein paar mittelständische Unternehmen und ein paar Kleinbetriebe geht, deren Gründer an urchristliches Gedankengut anknüpfen und nach den Idealen der Bergpredigt gegen den Strom der Ellbogenwirtschaft schwimmen wollen.

Im Rahmen der erwähnten "Sektenhysterie" schlägt man auf diese paar mittelständischen Betriebe ein und gefährdet deren Arbeitsplätze. Einem kirchlichen "Sektenbeauftragten" gelang es nachweislich, einen ganzen Betrieb in den Ruin zu treiben, bloß weil er die Mitarbeiter verdächtigte, sie wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum Universellen Leben vielleicht den Datenschutz nicht so ernst nehmen wie andere. Zehn Jahre hatte der Betrieb einwandfrei gearbeitet und Hunderte von Arztpraxen in Unterfranken zu deren voller Zu-friedenheit betreut, sich nichts zu Schulden kommen lassen, und dennoch musste er schließen, weil ein Kirchenrat aus Bayern, dessen Arbeitsplatz aus Steuergeldern finanziert wird, es für richtig fand, wieder einmal kräftig zu hetzen.

Auch das zweite Stichwort - "Aussteigerberichte" - stimmt mich nachdenklich: Was sind das für Leute? Ohne Zweifel Enttäuschte. Aber wer sagt denn, dass an deren Enttäuschung immer nur die Anderen schuld sind und nicht sie selbst?! Niemand wurde gezwungen, sich der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben anzuschließen, und jeder kann wieder gehen, wenn es ihm nicht gefällt. Man muss nicht einmal austreten wie bei den Kirchen, da es keine Mitgliedschaften gibt. Aussteiger werden gern zu "Zeugen der Anklage" gemacht, doch Juristen und Psychologen sind sich inzwischen darüber einig, dass solche "Zeugen" – gleich ob es sich um Aussteiger aus den Kirchen oder aus religiösen Minderheiten handelt – der Wahrheitsfindung kaum dienlich sind. Bekanntlich stellte dies jüngst auch das Oberverwaltungsgericht Berlin im Prozess der Zeugen Jehovas fest.

Das sind noch ein paar Nachgedanken zu unserem gestrigen Telefonat, das damit endete, dass ich Ihnen meine Faxnummer bekanntgab, um Ihnen Gelegenheit zu geben, mich zu bestimmten Informationen, die Sie über die von mir vertretene Gemeinschaft erhalten, zu befragen. Ich möchte einstweilen davon ausgehen, dass sich Ihre Redaktion nicht von den üblichen Vorurteilen leiten lässt und ihre journalistische Sorgfaltspflicht in jeder Hinsicht beachtet wird. Dazu gehört auch, dass man alle Teile hört, bevor man mit der ganzen Medienmacht einer Sendung möglicherweise großen Schaden anrichtet und Menschen Unrecht tut, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Sailer

P.S.: Dieser Brief wurde vor Eingang Ihres von Herrn Happe unterzeichneten Telefaxes diktiert. Darauf komme ich später zurück.

 

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