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Die
folgende Erklärung trug der wegen Beleidigung der Luther-Kirche
Angeklagte Matthias Holzbauer dem Amtsgericht Würzburg am 14.12.06 vor:
Als Sohn einer gut katholischen CSU-Familie ist es für mich ein
besonderer Moment, das erste Mal in meinem Leben vor einem Strafgericht
zu stehen. Wer sich wie ich intensiv mit der Geschichte der
Inquisition befasst hat, den wird so etwas allerdings weniger
wundern. Denn es gehörte schon immer zum Leben eines Menschen, der aus
katholischer oder lutherischer Sicht ein „Ketzer“ und „Häretiker“ ist,
früher oder später auch einmal mit der Justiz Bekanntschaft zu machen.
Leider auch noch im 21. Jahrhundert.
Ich bin seit 25 Jahren Anhänger der Glaubensgemeinschaft
Universelles Leben.
Anfang der 80er Jahre begegnete ich in Nürnberg dem Universellen
Leben. Ich befasste mich mit deren Lehren und Aktivitäten und
siedelte im Jahr 1985 in die Umgebung von Würzburg um, um im Zentrum
dieser Glaubensgemeinschaft mit deren Anhängern zu leben und zu
arbeiten. Seither bin ich als Publizist bei der Herausgabe von
Zeitschriften, als
Buchautor,
als Redner bei Vortragsveranstaltungen und auch als Mitarbeiter beim
Vertrieb vegetarischer Lebensmittel an Marktständen unter anderem in
Würzburg, Nürnberg und München tätig.
Ich archiviere und dokumentiere seit vielen Jahren die Vorgänge im
Zusammenhang mit religiösen Minderheiten in Deutschland und habe auch
ein eigenes Buch darüber geschrieben, das den Titel trägt:
„Der
Steinadler und sein Schwefelgeruch – das neue Mittelalter.“
Von daher kann ich das, was heute abläuft, sehr gut einordnen.
Als in Deutschland Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts neue
religiöse Bewegungen entstanden, setzten die Amtskirchen sogenannte
Sektenbeauftragte ein, die mit der Aufgabe betraut sind, diese neue
religiöse Konkurrenz in der Öffentlichkeit auf jede nur denkbare Weise
abzuwerten bzw. zu bekämpfen. Seit über 20 Jahren führt die
Evangelisch-Lutherische Kirche durch ihre Sektenbeauftragten – zunächst
Pfarrer Haack, später Dr. Behnk, heute zusammen mit Pfarrer
Fragner – einen öffentlichen Glaubenskampf gegen das Universelle
Leben. Kirchenrat Dr. Behnk tut dies auf besonders aggressive Weise.
Er bezeichnete unsere Glaubensgemeinschaft immer wieder als „totalitär“,
als „menschenverachtend“, als „Psychosekte“, als „gefährlich“, ja sogar
als „antisemitisch“. Als 1993 in der Presse über einen angeblichen
Massenselbstmord einer religiösen Gruppierung in Waco/USA berichtet
wurde, suggerierte Behnk der deutschen Öffentlichkeit über mehrere Jahre
hinweg, dass möglicherweise auch im Universellen Leben ein
kollektiver Selbstmord bevorstehe.
Als sich 1997 im kalifornischen San Diego 50 Menschen umbrachten,
dauerte es nur wenige Tage, bis Dr. Behnk sein Lieblingsthema, dass im
Universellen Leben möglicherweise Ähnliches passieren könnte, in
einem aufsehenerregenden STERN-Interview aufwärmte. Das führte dazu,
dass das Interview auf der Titelseite der Ausgabe mit dem Hinweis
„Universelles Leben – Deutschlands gefährlichste Sekte“ angekündigt
wurde. Er versuchte immer wieder, uns als gemeingefährlich darzustellen
und zu Außenseitern der Gesellschaft zu machen, mit denen man nichts zu
tun haben will. Besonders gut gelang ihm dies mit einer Pressemitteilung
aus dem Jahr 1997, durch die er den Verdacht streute, eine von Anhängern
der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben betriebene EDV-Firma,
die die Software von Arztpraxen betreute, sei ein Sicherheitsrisiko für
den Datenschutz. Innerhalb kurzer Zeit verlor die seit 10 Jahren
bestehende Firma alle Kunden und musste ihren Betrieb einstellen.
Im einzelnen nehme ich auf die meinem Verteidiger vorgelegten
Zeitungsartikel und Pressemitteilungen der Sektenbeauftragten Bezug.
Die Kampagne der Evangelisch-Lutherischen Kirche führte mehr und
mehr zu einer sozialen Ausgrenzung der Angehörigen des Universellen
Lebens. Es geht längst nicht mehr bloß um Rufschädigungen.
Angesichts der Schärfe und Häufigkeit der Kirchenkampagne gegen
„gefährliche Sekten“ erleiden neue religiöse Bewegungen wie das
Universelle Leben und ihre Anhänger nicht nur Ansehensminderung,
sondern sie werden zu Feinden der Gesellschaft stigmatisiert, die für
ihre religiösen Veranstaltungen
keine Räumlichkeiten mehr finden, bei ihrer Berufsausübung auf einen
kirchlichen Wink Kunden und Werbemöglichkeiten verlieren, und auch im
privaten Bereich diskriminiert werden. Es handelt sich um eine moderne
Inquisition, bei der zwar niemand mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt
wird, aber mit Hilfe des öffentlichen Einflusses der Kirchen in den
Medien an den Pranger gestellt wird.
Die Scheiterhaufen des 21. Jahrhunderts sind die Massenmedien.
Wenn die Bild-Zeitung, wie am 18. März dieses Jahres geschehen, unter
erheblicher Mitwirkung des lutherischen Rufmordbeauftragten Wolfgang
Behnk die großformatige Schlagzeile an alle Zeitungskästen der Stadt
hängt: „Viktualienmarkt: Dubiose Sekte betreibt Ökostand“ – dann ist
das der moderne Scheiterhaufen. Ich habe an diesem Tag selbst an diesem
Stand gearbeitet und weiß, wovon ich rede. Unmittelbar auf und um den
Marktplatz stehen mindestens fünf solcher Kästen. Die Flammen züngelten
also von allen Seiten. Die Menschen wurden geradezu angestachelt,
hinzulaufen wie weiland zur Hinrichtungsstätte und zu gaffen: Hey,
schaut euch mal die gefährlichen „Ketzer“ an! Heute verbrennt auf einem
solchen modernen Scheiterhaufen kein Kohlenstoff, aber es steigen nach
wie vor die Rauchwolken negativer Gedanken wie Vorurteile, künstlich
geschürte Ängste und Aggressionen auf. Ein Religionslehrer schickte
sogar seine Schüler an den Stand – man kam sich vor wie im Zirkus oder
im Tiergarten.
Aber wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer
Demokratie, dachte ich, und deshalb entschloss ich mich, mit Hilfe
eines plakativen Handzettels die Öffentlichkeit einmal deutlich darauf
hinzuweisen, um welche Organisation es sich handelt, die mich und meine
Glaubensgenossen seit Jahrzehnten öffentlich brandmarkt und in erwähnten
Zeitungsinterview erneut massive Geschäftsschädigung betrieb.
Ich wollte mit dem Flugblatt niemanden persönlich verletzen, sondern die
infame Weise der Evangelisch-Lutherischen Kirche aufzeigen, unter
anderem auch die Vorgehensweise des Kirchenrats Behnk, der im Auftrag
seines Bischofs handelt. Nachdem die Evangelische Landeskirche in Bayern
sich öffentlich als Richter über meine Gemeinschaft aufspielt und immer
wieder neue inquisitorische Kampagnen führt, wollte ich deutlich machen,
um wen es sich hierbei meines Erachtens handelt. Soweit das Flugblatt
Bewertungen enthielt, wird stets auf Sachverhalte Bezug genommen. Dies
gilt insbesondere auch für das Beiwort „antisemitisch“, das ich mit
Luther und Meiser rechtfertigte. Dabei wies ich darauf hin, dass der
Antisemit Meiser gegenwärtig wieder durch ein Gedenkjahr gefeiert werden
soll. Ich halte die Evangelische Kirche in ihrem Vorgehen für
totalitär, weil sie, unter grober Verletzung des Toleranzgebots, gegen
religiöse Minderheiten, insbesondere das Universelle Leben,
vorgeht. Nachdem sie meiner Gemeinschaft eine totalitäre Haltung
vorwirft und das Universelle Leben ständig als Sekte beschimpft,
habe ich auch dieses Etikett in dem Flugblatt zurückgegeben.
In einem Brief an Arno Hamburger, den Vorsitzenden der Israelitischen
Kultusgemeinde in Nürnberg, schrieb ich am 3. Mai: „Vielleicht ist unser
Flugblatt auch so etwas wie ein Hilferuf, weil der skandalöse Umgang
unserer Gesellschaft mit neuen religiösen Bewegungen ... in den Medien
totgeschwiegen wird ...“ Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Dieses
Flugblatt war ein Hilferuf, nicht nur an die Öffentlichkeit,
sondern auch an die Justiz, endlich einer religiösen Minderheit
beizustehen, die seit Jahrzehnten von der Vertretern einer gedanklich
noch am Mittelalter orientierten Großsekte drangsaliert wird. Die
Antwort auf diesen Hilferuf erleben wird heute: Wer sich wehrt, soll
offensichtlich eingeschüchtert oder gar kriminalisiert werden.
Nachdem man gegen die im Flugblatt genannten Tatsachen nichts vorbringen
kann, hat man die angebliche Beleidigung aus dem Hut gezaubert.
Ich kann hier nur für mich und meine Freunde sagen: Wir sind eine
starke Gemeinschaft und wir lassen uns nicht einschüchtern. Dem
Landesbischof Friedrich habe ich am 13. Juni geschrieben, und das kann
ich nur wiederholen: Solange er und seine Nachfolger es zulassen,
dass die Inquisition noch immer lebendig ist, „werden wir uns auch zur
Wehr setzen. Auch wenn wir nicht einmal über einen Bruchteil der Gelder
und des Einflusses verfügen wie Ihre Kirche.“
Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass das Flugblatt in Wahrnehmung
meiner berechtigten Interessen und der meiner Freunde zulässig war. Ich
kann mir nicht vorstellen, dass ich mich dadurch strafbar gemacht habe.
Deshalb bin ich auch äußerst überrascht, hierwegen angeklagt zu werden.
Verwundert bin ich darüber besonders deshalb, weil Strafanzeigen von
Seiten meiner Gemeinschaft gegen all die üblen Verleumdungen der letzten
Jahre stets eingestellt wurden und nie zu einer Anklage führten. Ich
habe mir die Mühe gemacht, einmal in den Archiven zu blättern. In den
letzten 20 Jahren wurde in 77 Fällen Strafanzeige gegen Kirchenvertreter
und deren Handlanger erstattet, und zwar wegen Beleidigung, Verleumdung,
übler Nachrede, Geschäftsschädigung, Volksverhetzung, Falschaussage vor
Gericht, Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses, Nötigung,
Erpressung und Anstiftung zur Sachbeschädigung. Keine einzige dieser
Strafanzeigen führte je zu einer Anklage. Der jetzige
Anklagevertreter Herr Dr. Geuder war immer besonders großzügig,
wenn es darum ging, solche Strafanzeigen einzustellen. Neuerdings erhebt
er in umgekehrter Richtung bei jeder Gelegenheit Anklage, auch wenn es
sich um Delikte handelt, für die sich nie ein Staatsanwalt interessiert,
sondern bei denen der Anzeigeerstatter stets auf den Privatklageweg
verwiesen wird.
Wegen des vorliegenden Flugblatts wurde ich auf Veranlassung des
Staatsanwalts sogar im Morgengrauen heimgesucht, weil eine
Hausdurchsuchung angeordnet worden war. Dabei war nichts mehr zu
ermitteln, da mein Name ja auf dem Impressum des Flugblatts stand. Ich
habe diese Hausdurchsuchung als Schikane empfunden. Mein Vertrauen in
die Justiz ist erheblich beeinträchtigt. Wie ich gehört habe, sind ja
auch Staatsanwälte zu Objektivität verpflichtet. Bei Herrn Dr. Geuder
habe ich den Eindruck, dass er persönliche bzw. kirchliche Interessen
verfolgt.
Insofern kann ich nur hoffen, dass ich heute vor einem neutralen und
unabhängigen Gericht stehe, das mir Gerechtigkeit widerfahren lässt. Ich
mache mir allerdings Sorge, ob das in dem kirchlich geprägten Würzburger
Milieu ohne weiteres möglich ist. Wer die Kirche angreift, gilt als
Ketzer, der zu verurteilen ist. Ich mache mir auch Sorge, wie es bei
diesem Prozess dem zuständigen Richter ergeht. Möglicherweise ist er
Mitglied der Evangelischen Kirche, vielleicht sogar ein aktives
Mitglied, und fühlt sich deshalb von meinem Flugblatt selbst betroffen.
Kann er da noch unbefangen urteilen? Nach meiner ehrlichen Aussage zur
Person des Angeklagten darf ich vielleicht auch eine ehrliche Aussage
zur Person des Richters erwarten, worum ich hiermit bitte.
Würzburg, 14.12..06
Matthias Holzbauer
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